Samstag, 17. Februar 2018

Heinrich Hansjakob, Schwarzwaldpfarrer mit einer Vorliebe für die Frauen des Südens


Ein Glas Wein  von Valérie Bèguy, der schönsten Frau Frankreichs
im Jahr 2008 hätte Heinrich Hansjakob gerne angenommen Bild oe24
Der aus Haslach im Schwarzwälder Kinzigtal stammende Pfarrer Heinrich Hansjakob war, als er kurz nach dem Krieg von 1870 mit seinem Heidelberger Freund Lindau nach Frankreich reiste, eine Erscheinung, nach der man sich auf den Straßen vor allem im Süden umdrehte. Zwei Meter zwanzig maß er mit seinem immer getragenen schwarzen Hut. Vielleicht war es zu der Zeit ganz gut, daß er fast überall für einen Engländer gehalten wurde.

Die Reise nach Frankreich trat er auch an, weil er gerade zwei Gefängnisaufenthalte hinter sich hatte: Einmal wegen aufrührerischer Reden und kurz darauf wegen Beamtenbeleidigung. Beide Verurteilungen machten ihn stolz. Hansjakob war immer eher dagegen als dafür und polterte in seinen vielen Büchern und Predigten gegen Bischöfe, Militärs, Juden, Leser der Romane von Walter Scott, Bartträger und kapitalistische Ausbeuter und natürlich gegen das „schweinsmäßig grunzende, Landschaft verhunzende“ Automobil sowie emanzipierte Frauen.
Hansjakob: 2 Meter 20 mit Hut

Die anderen fand der Pfarrer schon deshalb gut, weil er vom Zölibat nichts hielt und mehrfacher Vater war. Ein Brauer aus Waldshut soll sich erschossen haben, weil ihm ausgerechnet ein Priester die Frau ausgespannt hatte. Auch in Südfrankreich ließ er seine Augen
Tartarin hätte sich
mit Hansjakob verstanden
schweifen, etwa auf die Frauen in Tarascon: „Große und schlanke Figuren mit ganz blassen Gesichtern und ganz antiken Profilen“. Lange dunkle Gewänder „und schwarze Kopfbinde lassen die feine Blässe noch vorteilhafter hervortreten“. Immer wieder wurde er „von den Schönen“ wegen seiner Statur angesprochen und zu einem oder mehreren Gläsern Wein eingeladen.

Immer wieder auch ärgerte er sich über die kaum besuchten Gottesdienste. In Béziers fanden sich gerade mal siebzehn Frauen in einer Messe ein, die von fünf Priestern im Ornat gehalten worden.

„Voilá la France réligieuse!“

kommentierte er. Ähnliches wird er über die Bischöfe von Maguelone gedacht haben, die ihre Münzen jahrhundertelang mit der Aussage „Allah ist groß“ umrandeten. Selbst der Versuch eines Papstes, das zu unterbinden, war erfolglos, schließlich befördere das den Handel mit Nordafrika und Arabien.

Danke an Hans F. Ringwald aus Ohlsbach für den Hinweis auf Hansjakob in Südfrankreich.

Samstag, 10. Februar 2018

Lawrence Durrell in Sommières: Viel billigen Rosé für ein Buch

Heute allgegenwärtig
Lange war der britische Romancier Lawrence Durrell in Südfrankreich herumgereist, bis er schließlich Sommières und damit die gesuchte „südfranzösische Authentizität“ fand; eine Kleinstadt, in deren Gassen die Zeit stehengeblieben scheint und wo Touristen zwischen September und Juni noch hinterher gesehen wird.

Wie es sich für jemanden von der Insel gehört, war er natürlich in Nizza und Cannes gewesen, hatte aber „diese kleinen englischen Dörfer“ gleich wieder von der Suchliste gestrichen. In einem Haus am Rande der Stadt, das nach seinem Besitzer Louis Loubier „Villa Louis“ hieß, richtete er sich zunächst ein, bevor er „Villa Tartès“ kaufte.

Diese hochherrschaftliche Villa, die aussieht, als ob ein großbourgeoiser, pedantischer Notar darin wohnt, wurde von Durrell nicht gerade pfleglich behandelt. Der Garten war innerhalb kürzester Zeit verwildert, das Schwimmbad, dessen deutsche Technik bis hin zur Abdeckung noch heute funktioniert, hatte sich zu einer Mischung zwischen Biotop und Müllkippe gewandelt.
Villa Tartès: Nicht zu besichtigen, aber fast unverändert
Ghislaine Bergé, die das Haus nach dem Tod von Durrell kauft, hat erst einmal tagelang große Feuer im Garten gelegt und dann „ein Universum von Flaschen“ aus dem Schwimmbecken, dem nebengelegenen Bassin und dem Brunnen herausgeholt. Durrell habe schon „ordentlich getrunken“, erinnert sich der Schriftsteller Frédéric Jaques Temple, der ja oft genug dabei war, allerdings immer nur den billigsten Rotwein und Rosé, obwohl er sich auch etwas anderes hätte durchaus leisten können.

Hier nun kam ein Weltenbummler zur Ruhe, der im britischen Kolonial-Indien zur Welt gekommen war, auf Korfu und in Ägypten lebte, und schließlich in Belgrad und Buenos Aires für die Pressearbeit der britischen Botschaften zuständig war. In seinem Haus - Henry Miller und Temple waren oft dabei -
„vertrödelten wir die goldenen Nachmittage und Abende wie chinesische Philosophen und führten endlose Debatten über das hypothetische Buch, von dem wir wußten, daß es nie geschrieben werden würde.“

Die Aufenthalte in Sommières waren Durrells fruchtbarste Schaffenszeit. Hier schrieb er seine wichtigsten Werke, die allesamt große wirtschaftliche Erfolge wurden. „Plötzlich hatte ich das seltsame Gefühl zuhause zu sein“, sagte er zu Ivan Gaussen, dessen Sohn Frédéric, Mitglied der Chefredaktion von „Le Monde“, sich später stark in der Association Durrell engagierte und der und
den in Sommières jeder kennt. Drei Anrufe von Gaussen und wir waren erst im Haus von Madame Dumas willkommen, der Villa Louis, von wo aus man einen schönen Blick zum Schloß und, hochwassersicher, über
Frédéric Gaussen im Atelier seiner Mutter Jacqueline
das Tal des Vidourle hat, und wurden dann von Madame Bergé in die Villa Tartès eingeladen.

Und den Nachmittag verbrachten wir im Garten des Dichters Frédéric-Jacques Temple im nahen Aujargues. Dessen erster Gedichtband ist übrigens in Deutschland erschienen, 1945 als Privatdruck in der Druckerei von Franz Burda in Offenburg. Temple war damals als Presseoffizier in Baden-Baden stationiert und ist sich noch heute sicher, daß ohne sein damaliges einflußreiches Amt, er kümmerte sich auch um Papierzuteilungen, dieses Bändchen nie erschienen wäre.

In der Villa Tartès schrieb Durrell zwischen 1974 und 1985 das Avignon-Quintett mit Monsieur, Livia, Constance, Sebastian und Quinx.


„Sommières! Magisches Wort! Ich habe die glücklichsten Tage meines Lebens in dieser geheiligten Stadt verbracht“, war sich Durrell schon 1977 sicher. Allerdings sah er das Glück als einen relativen Zustand: „Das Glück beruht oft nur auf dem Entschluß, glücklich zu sein.“

Nun müsse er auch den Nobelpreis für Literatur erhalten, forderte der Midi Libre in der Sonntagsausgabe vom 20. Juni 1965. Und auch deutsche Befürworter gab es. Walter Jens etwa in einer Rezension von „Mountolive“: „Wenn es gerecht zugeht, muß Lawrence Durrell den Nobelpreis erhalten.“ Dabei erschließt sich Durrell nicht leicht. Das „epische Genie“, so urteilte auch Siegfried Lenz, könne man nur bei nicht nachlassender, konzentrierter Lektüre erfassen. Ich- und Er-Erzählung wechseln einander ab, dazwischen Tagebuchblätter, Reflexionen, Aphorismen und die Aufzeichnungen zweier Schriftsteller - alles wird virtuos und fugenfrei ineinandergefügt.
Durrells Lieblingsplatz beim "Glacier" mit Blick auf die Römerbrücke. 
Ölgemälde von Jacqueline Gaussen-Salmon.
Den Nobelpreis hat er nie bekommen, trotz seines Talentes, das Henry Miller in den dreißiger Jahren als erster erkannte. Hier, beim "Glacier" hat er oft gesessen. Inzwischen hat der Eigentümer gewechselt und "die schönste Terrasse Sommieres" heißt "Ô fil d'eau". Die Erinnerungen an Durrell wurden wegrenoviert. "Alles hat seine Zeit", sagt der neue Patron.
Jacqueline Gaussen-Salmon hat von Durrells Platz aus den Blick auf die alte Römerbrücke gemalt. Noch immer aber, zum Glück, kann man hier auf der Terrasse über dem Wasser sitzen und die Forellen und Hechte in der Vidourle beobachten. Zum Abendessen hinterher geht's in den Garten der "Villa Heloise" am Kreisverkehr auf der anderen Seite des Flußes.

Samstag, 3. Februar 2018

Birgit Vanderbeke: Tödliches Pilzragout

Wer in Südfrankreich leben will, muß das Buch lesen.  
Viele Jahre lebt die Bestsellerautorin Birgit Vanderbeke nun schon in Saint-Quentin-la-Poterie, einem Töpferdorf gleich neben Uzès. Für Südfrankreich hat sie eine „Gebrauchsanweisung für Südfrankreich“ vorgelegt, der man die oft genug berechtigte Besorgnis entnimmt, gerade die deutschen Besucher könnten sich hier daneben benehmen. Pflichtlektüre für jeden, der sich, wenn auch nur zeitweise, im Midi niederlassen will. Vielleicht noch interessantes ist die nachfolgende Anleitung zum Glücklichsein.

Wie Sie Ihren Mann um die Ecke bringen - das Rezept funktioniert auch für andere unausstehliche männliche Wesen - können Sie in Vanderbekes Roman „Die sonderbare Karriere der Frau Choi“ nachlesen. Wichtig ist der schöngelbe Klumpfuß (Cortinarius splendens), der zwei Vorteile hat: Erstens beginnt die Wirkung erst nach ein paar Tagen und zweitens sind nicht einmal die Rechtsmediziner der Universität Straßburg in der Lage die Vergiftung nachzuweisen.

Im September, wenn ein paar verlaufene Touristen das kleine Cevennendorf verlassen haben, wenn

„der Strom heruntergedreht wird und schwankt und man denkt, man ist im falschen Jahrhundert, weil man sein Haus nicht mehr hell bekommt. Die Handys haben keinem Empfang, Zentralheizung gibt es nicht, und wenn der Wind auf dem Schornstein steht, drückt er den Rauch des Kamins nach innen.“

Von der Qual der Pfannenwahl bis zum "richtigen" Pilz
Dann kommt die Koreanerin, Frau Choi aus Gwangju - für die es ein tatsächliches Vorbild gibt -, baut die alte Seidenspinnerei aus und seltsamerweise wird ihr Restaurant trotz des nicht nur für die Dorfbevölkerung unaussprechlichen Namens „Bapguagup“ ein großer Erfolg. Vielleicht hat es aber auch nur damit zu tun, daß bei ihr die richtigen Leute von den falschen Pilzen essen.

Die anregenden Beschreibungen von Frau Chois Kochkunst lassen vermuten, daß auch Birgit Vanderbeke ihre Küche gerne nutzt. In einem Brigitte-Interview gesteht sie das gegenüber Christa Tehlen ein:

„Gutes Essen ist mir sehr wichtig. Noch wichtiger ist mir aber das Kochen. Wenn ich eine Woche weg war zelebriere ich ein paar Tage später regelmäßig eine regelrechte Koch-Orgie. Das Verhältnis von Gut-Essen zu Kochen ist bei mir ganz ähnlich wie das von Lesen zum Schreiben. Das erstere ist wunderbar, aber ohne das letztere mag ich nicht leben.“ 

Als ich sie fragte, ob sie bereit sei, mir ihre Kochkunst an einem Pilzragout zu beweisen, hat sie für das ja nicht lange überlegt. Nur, es war August, um die Pilze müsse ich mich kümmern. Und dann kam noch eine Mail:
„Weder Frau Choi noch ich würde jemals mit Pilzen aus dem Supermarkt kochen.“
Das war eine Herausforderung. Unser Nachbar Michel war, ja, er war großartig, wenn es um Fundstellen für frische Pilze geht. Zwischen Saint-Germain-de Calberte und Pont de Montvert müsse es jetzt sicher schon ein paar Sommersteinpilze geben und Pfifferlinge sowieso. „Allerdings der wenige Regen…“ und wiegte bedenklich den Kopf. Wenig? Seit dem 30. März hatte es nicht mehr einen Tropfen gegeben, also eher nicht die idealen Voraussetzungen für einen feuchten Waldboden.


Hilfsbereiter Sternekoch: Jérôme Nutile
Ein paar Tage vorher hatte ich glücklicherweise mit Jerôme Nutile den einzigen Sternekoch des Gard kennen gelernt, der tatsächlich Gardois ist. Um acht Uhr morgens machte ich mich auf nach Collias ins „Le Castellas“, seinem Zweisterne-Restaurant - da war er noch nicht nach Nîmes umgezogen. Um diese Zeit bereitete die Küchenmannschaft schon das Mittagessen vor. Sechs Soßen aus der Hand des „Meillieur Ouvrier de France“ waren schon fertig. „Pas de problème.“ Und dann hatte ich zunächst die Auswahl zwischen Pfifferlingen, Morcheln und Steinpilzen, die dann allerdings Nutile für mich traf. Die Steinpilze seien schon ein wenig „fatigué“, würden also allenfalls noch in Soße oder Suppe enden.

Jedenfalls waren die Damen Choi und Vanderbeke mit der Qualität der Pilze zufrieden und zauberten ein Pilzragout, wie ich nicht nur nachmittags um halb fünf noch kein besseres gegessen habe.

"...gewohnheitsmäßig schöngelben Klumpfuß"
 


Samstag, 27. Januar 2018

Boule mit Magneten und Erdbeermarmelade


 
Boule mit Erdbeermarmelade ist unehrenhaft...und Wasser geht garnicht
Boule-Regeln sind kompliziert, wenn man dieses einfache Spiel zu ernst nimmt. Boule-Regeln sind einfach, wie eine Kurzfassung beweist, die der Wirt der Bar du Midi – siehe Ziffern zwei, drei und vier! – formuliert und mit Reißzwecken am Fensterladen festgemacht hat:

1. Wer am nächsten dran ist hat gewonnen, es sei denn die Mitspieler kommen einvernehmlich zu einer anderen Entscheidung.

2. Pastis und Wein sind die offiziellen Wettkampfgetränke.

 
3. Wasser wird nur auf ärztliches Attest ausgegeben.

4. Getränke mitbringen ist nicht ehrenhaft!

5. Es ist ein Spiel der Ehre!


Ein höchst einsichtiges und auch für Nichtjuristen nachvollziehbares Regelwerk.

Dennoch eine Erläuterung. Ziffer 4 bezieht sich auf eine „Boule farcie“, eine Boulekugel, die genau da liegenbleibt, wo sie runterfällt, weil sie nämlich mit Quecksilber gefüllt ist. Und das ist unehrenhaft, solange nicht alle ihre „Boule farcie“ dabei haben. Die an der Bar und nach Mitternacht aufgestellte Theorie, daß eine Füllung aus Erdbeermarmelade oder Quittengelee noch wirkungsvoller sei, als die mit Quecksilber, konnte bis zur Morgendämmerung nicht widerlegt werden.

In dieser Nacht habe ich dann auch noch eine Vorlesung in der Regelkunde für sehr Fortgeschrittene erhalten. Ob ich jetzt auch noch über die Härtegrade Bescheid wissen wolle? Für die Noch-nicht-ganz-Spezialisten habe ich es notiert.

„Normalerweise liegen sie zwischen 130 und 155 Kilopond pro Quadratmillimeter gemessen nach dem Brindell-Verfahren.“

Bei der Weltmeisterschaft in Vézénobres wird ganz ernsthaft nach den 38 Paragraphen der Wettkampfordnung gespielt; mit einer Ausnahme. Die Kugeln sind weder aus Metall noch rund, sondern aus Holz und eckig. Alles andere wird korrekt berücksichtigt: Falls beim Aufschlagen eine Kugel in mehrere Teile springt, fließt deren größtes als ganze Kugel in die Wertung ein.


Wenn Sie mal garnicht mehr weiter wissen können Sie die Fédération Internationale de Boules in Macon anrufen:0033 358 195117. Oder Sie einigen sich nach Ziffer 1 des Patrons.

Jetzt können Sie sich ein Boulespiel kaufen, in den größeren Supermärkten finden Sie das überall, wobei ein Liter Pastis in der Regel deutlich billiger ist als die sechs Boule-Kugeln; aber Sie brauchen ja eh beides. Eine gute Investition sind die 2 Euro für einen Magneten am Schnürchen, der Ihnen das Bücken erspart. Und ein Beutel mit Cochonnets, den Schweinchen, wie die kleinen Zielkugeln traditionell genannt werden, lohnt ebenso. In alter Zeit und als noch alles verwertet wurde, sind diese Kugeln aus Schweineknochen hergestellt worden.

Und HIER ETWAS ÜBER BOULE IN MARSEILLE ,diesmal mit "runden Kugeln" und 200.000 Zuschauern.





 

Samstag, 20. Januar 2018

Mont Ventoux: Der Club der Verrückten und der Mas des Vignes

Bald achttausend Mitglieder hat der „Club der Verrückten“ weltweit, sogar zweihundertfünfzig Deutsche schmücken sich mit der Mitgliedschaft. Die meisten Mitglieder des „Club des Cinglés du Mont Ventoux“ kommen natürlich aus Frankreich. Mitglied kann nur werden, wer an einem Tag alle drei existierenden Strecken auf den Mont Ventoux hinauf gefahren ist. Das ist schon hart, weniger wegen der Gesamtstrecke von 137 Kilometern, sondern wegen der 4.400 Höhenmeter, die dabei geklettert werden.

Wenn Sie sich anmelden möchten, vielleicht eine der rund vierhundert Frauen werden wollen, die das bisher geschafft haben, dann geht das bei Florence Girard und die Mailadresse UNTEN AUF DIESER HOMEPAGE. Hier finden Sie, auch auf deutsch alle Statistiken rund um diesen seltsamen Club und auch die Abbildungen der Medaillen.


Mit dem Auto hochzufahren ist natürlich außerhalb der Regeln.
Postkarte aus dem Jahr 1911. Hier der Italiener Tangazzi auf Lancia.
Von den drei Strecken auf den Gipfel ist diejenige, die bei Bedoin auf knapp 300 Metern startet, die spektakulärste. Nach gut 21 Kilometern hat man sein Ziel in 1909 Metern Höhe erreicht.

Geschafft...aber noch keine Mitglieder

Wer von Malaucène aus startet, spart sich rund 300 Höhenmeter. Wenn Sie allerdings ein Mountainbike benutzen, gehört es zum Reglement, dass Sie die Forststraßen benutzen und sich am Abend erst nach gut 6.000 Höhenmetern in den Club aufnehmen lassen können. Die Kontrollen werden streng durchgeführt, Jugendliche unter 18 Jahren müssen ein ärztliches Attest vorweisen.

Und so sieht das abgestempelte Dokument dann aus, wenn man es geschafft hat.
Foto von Franz Utz, der seit 2015 Mitglied im Club ist.


Nur einer lächelt über diese Strapaze. Das ist Jean Pascal Roux, der am Fuß des Berges lebt, in Bedoin. Mit Mitte vierzig hat er einmal 24 Stunden auf dem Rad verbracht und ist elfmal den Mont Ventoux rauf und wieder runter gefahren. Ohne Doping, wie er betont. Einmal habe ich mich auch auf die Tour gemacht. Ganz professionell hatte ich mir für die Abfahrt sogar zwei Tageszeitungen, den „Midi libre“ und „Le Provencal“ gekauft. Unter das T-Shirt hatte ich sie stecken wollen, um den kalten Wind bei der Abfahrt abzuwehren.

Wie auch immer, in aller Ruhe habe ich die Zeitungen eine halbe Stunde später weitgehend ungeschwitzt lesen können. Denn nach 5,4 Kilometern bin ich in der berühmten Saint-Estève-Kurve von der schattigen Terrasse des "Mas des Vignes" so sehr angezogen worden,

 

daß ich dort auch noch den Sonnenuntergang bewundert habe. Damit diese Entscheidung nachvollziehbar wird: Als Vorspeise gab es Saint Jacques Dorées mit einem Kirchererbsen-Zitronen-Hummus und als
Hauptgericht Joues de Cochon (Schweinebacken), geschmort in einem
Die Kunstwerke des Yann de Coëtlogon am besten auf der Terrasse genießen.              Bilder Mas des Vignes

der kräftigen Roten vom Ventoux, mit einer Polenta Crémeuse und frischen Pfifferlingen.

Peinlich war nun nicht, dass ich recht sportlich gekleidet dort saß, sondern dass der Chef, Yann de Coëtlogon, beim Dessert - wen’s interessiert Tartelette aux Pêches Blanche en Crème d’Amandes mit einem Sorbet aus Weinbergpfirsischen - rauskam und mir gratulierte. Denn viele belohnen sich für den bestandenen Aufstieg mit einem Menü im Mas des Vignes. Ich habe mich dann bedankt und im übrigen so getan, als hätte ich ihn nicht verstanden.

Von einem tragischen Aufstieg auf den Mont Ventoux - er endete mit dem Tod - erzähle ich HIER.

Samstag, 13. Januar 2018

Saint-Martin-d'Ardèche: Max Ernst und die Engländerin

1937 hatten sich der arrivierte Künstler und Leonora Carrington, die zwanzigjährige Frau aus einer Millionärsfamilie, in London kennen gelernt. Von dort flohen sie nach Saint-Martin d‘Ardèche, kauften ein abgelegenes Bauernhaus und sorgten als „L‘Anglaise et le Max“ mit ihren kleiderlosen Spaziergängen durch den 300-Seelen-Ort für Gesprächsstoff. Hier einige Fotos und Bilder.


Ernst-Reliefs an der Außenwand des Hauses in Saint-Martin
Leonora hat die Zeit im Dorf - es heißt hier Saint Roc - in ihrer Geschichte "Der kleine Francis" Revue passieren lassen; veröffentlich im Suhrkamp-Sammelband "Das Haus der Angst".

Max Ernst stattete das Haus mit phantasievollen Reliefs und den Garten mit ebensolchen Fabelwesen aus. Einige der Kunstwerke wurden nach ihrem Auszug und dem überstürzten Verkauf des Hauses gestohlen; sie tauchten später teuer und als nicht vom Künstler legitimierte Bronzeabgüsse in Pariser Galerien wieder auf. Wenn man heute den steilen Weg hinaufgeht, auf den sich kaum einer der vielen Ardèche-Kanuten einmal verirrt, findet sich immer noch ein Relief von Ernst an der Straßenseite. Es stellt Loplop dar, seinen guten Geist jener Tage. Auf einer Wandstütze, aus der oben Hals, Kopf und Arme ragen, tanzt eine kleine, mit Schuppen und Federn geflügelte Figur.

Die Schweizer Journalistin Silvana Schmid hat „Loplops Geheimnis“ für Günter Kempf und seinen Anabas Verlag enthüllt. „Un peu de calme“ - etwas Ruhe, heißt das wichtigste Werk von Ernst aus jener Zeit. Bekommen hat er sie nicht. Unter der Leitung von Julotte Roche kümmerte sich in Saint-Martin die Association Max Ernst darum, den einjährigen Aufenthalt des Surrealisten weiter zu rekonstruieren.

Das hat engagiert angefangen, ist aber mittlerweile in einen „ziemlich tiefen Winterschlaf“ gefallen, wie selbst die Verantwortlichen des Office de Tourisme zugeben; es befindet sich übrigens in der Rue Max Ernst.

Was sich lohnt: Den 10-Minuten-Film im Fremdenverkehrsamt ansehen und zum Haus spazieren. Hier ein Trailer des Schamoni-Films. Der Rue du Moulin folgen und dann über die Hauptstraße - mit einer verwirrend-verschlungenen doppelten Kreisverkehrsregelung - zum Quartier Les Alliberts hinauf; ein Spaziergang von nicht mehr als einer halben Stunde, der nicht nur mit dem Blick auf die künstlichen Skulpturen belohnt wird, sondern auch mit dem auf die nicht minder beeindruckenden natürlichen Steinformationen, die die Ardèche geschaffen hat. 



Mas und Camp Saint Nicolas: Heute zerfallen. Bild rechts aus dem Jahr 1982.
Bilder Google Earth und Werner Clemens-Walter
Wenig später gehörte Max Ernst zu den Insassen der Konzentrationslager „Les Milles“ und „Camp Saint Nicolas“, das die Franzosen für unerwünschte Ausländer eingerichtet hatten. Von einer amerikanischen Rettungsorganisation unter Varian Fry betreut, konnte er in die Vereinigten Staaten fliehen.

Das „Camp Saint Nicolas“ liegt heute mitten in einem militärischen Sperrgebiet zwischen Nîmes und der Brücke Saint Nicolas. Es ist – und damit im Gegensatz zu Les Milles - bis auf die Ruinen des ehemaligen Gutshofes Saint Nicolas, vollständig zerfallen. Das Bild habe ich von Werner Clemens-Walter bekommen, der seit vielen Jahren in Blauzac lebt - siehe hier den Link zu seiner Homepage KULTURRECYCLING - und sich von dort zu Beginn der achtziger Jahre auf Spurensuche begeben hat und die Garrigue dort mit einer Genehmigung des Französischen Verteidigungsministeriums durchstreift hat. Seine nachlesenswerten Geschichten über die Fremden im Süden finden Sie HIER, können aber, besser noch, das auch als Buch bei ihm bestellen.

Samstag, 6. Januar 2018

Was die CIA in Pont-Saint-Esprit treibt

Heute noch gibt es die Kirche Saint Saturnin, die dem Ort ehemals den Namen gegeben hatte Saint-Saturnin-du-Port. Dann kam der Brückenbau von der Mitte des 13. Jahrhunderts bis zur Einweihung im Jahr 1409. Neunzehn Bögen auf fast einen Kilometer Länge verteilt und so stabil, daß noch heute die Autos darüber fahren.
 
Gönnen Sie sich den Fußweg über die Brücke mit den Blicken auf Rhône und Stadt
Da hatte der Heilige Geist ordentlich mitgeholfen, daß das so schnell ging und das Dorf änderte dankbar seinen Namen in Pont-Saint-Esprit. Handel und Brückenzoll machten aus dem Dorf ein Städtchen, das heute wesentlich vom Ardèche-Tourismus lebt.
 
CIA-Schattengestalten in der hellen Sonne?
 
Die Ardèche fließt im Norden der Stadt in die Rhône. Alles über die Region des Gard Rhodanien, auch über das schöne und wenig überlaufene Tal der Céze, finden Sie HIER.

Im August 1951 waren die Wartezimmer der drei Ärzte des Kleinstädtchens überfüllt. Hunderte von Bewohnern litten plötzlich unter Halluzinationen und wurden von Schattengestalten verfolgt. Es kam zu fünf Todesfällen und mehreren Selbstmordversuchen. Von den dreihundert „Wahnsinnigen“ aus Pont-Saint-Esprit berichtete die Presse weltweit.

Verschimmeltes Brot sei die Ursache, ein hallozinogener Schimmel, wie schon ein paar Jahre vorher in einer Nachbargemeinde, die das Bot vom gleichen Bäcker bezog. Da war sich der Generalinspektor des Gesundheitsministeriums schnell sicher. Auch deutsche Zeitungen griffen das Thema auf, so die „Welt“: „Das Geheimnis des ‚Brotes, das tötet und wahnsinnig macht‘, ist gelöst. Nach dem Befund von Professor Olivier vom Polizeilaboratorium im Marseille sind die Massenerkrankungen einwandfrei auf die Verunreinigung von Brotmehl durch Mutterkorn zurückzuführen.“

Fünfzig Jahre später hat der amerikanische Journalist Hank Albarelli in seinem fast eintausend Seiten umfassenden Buch „A terrible Mistake“ die These aufgestellt, es habe sich um einen mißglückten Versuch der CIA gehandelt haben, die Droge LSD in der Fläche zu testen. Umfangreich zitiert er die Aussagen von Betroffenen: Sie warfen sich auf dem Bett hin und her, sie schrien entsetzt, daß aus ihrem Körper rote Blumen hervorkämen, ihre Köpfe hätten sich in geschmolzenes Blei verwandelt. Einige berichteten von Reisen auf fliegenden Teppichen. Schon im Mittelalter kannte man ähnliche Fälle von Mutterkornvergiftungen, die oft mit Wundbrand einhergingen, und nannte sie „Antoniusfeuer“.

Doch manches war hier anders. Sven Moeschlin, Verfasser des medizinischen Standardwerkes „Klinik und Therapie der Vergiftungen“ hat den Ablauf der Erkrenkungen rekonstuiert. „In der ersten Phase vegetative Störungen mit Durchfall, Blutdruckabsenkung, Untertemperatur, Pupillenerweiterung, Schluckbeschwerden und einem brennenden Gefühl im Magen-Darm-Kanal. Es folgte dann, nach einer vorübergehenden leichten Besserung, eine dritte Phase vorwiegend psychischer Störungen und mit in einem sehr hohen Prozentsatz auftretenden Psychosen. Wahrscheinlich hat es sich hier um ein noch unbekanntes Gift aus der Alkaloidreihe gehandelt. Die psychischen Veränderungen. erinnern an die Vergiftungserscheinungen durch die Lysergsäure, nur klingen dort die Vergiftungssymptome sehr rasch ab, während sie hier Wochen und Monate bestehen blieben. Chemisch konnten keine Mutterkornalkaloide gefunden werden.“ Was früher als Verschwörungstheorie hätte abgetan werden können, wurde nun wahrscheinlich.

Albarelli bringt auch den Tod des US-Bio-Chemiker Frank Olson in Verbindung mit dem CIA-Testprogramm MKULTRA, in dem biologische Waffen im Feldversuch getestet worden sein; nicht in den USA natürlich, sondern in Frankreich. Olson wurde zwei Jahre nach den Versuchen angeblich ermordet. Er sprang, vollgestopft mit LSD aus dem zehnten Stock seines Hotels. Seine Familie hat von der US-Regierung nach Angaben der Washinton Post fast eine dreiviertel Million Dollar Schadenersatz bekommen. Belastbare Beweise für einen Zusammenhang mit den Vorgängen im Rhonestädtchen liegen nicht vor.

Um nach solchen Gedanken wieder den klaren Kopf zu bekommen, von hier aus, am besten an einem Tag, an dem der Mistral ordentlich bläst, auf den Mont Ventoux.

 

Samstag, 30. Dezember 2017

George Sand: Weit mehr als Männergeschichten

Eigentlich hieß sie Amantine Aurore Lucile Dupin de Francueil. Als Journalistin beim Figaro wählte sie mit J. Sand ein Pseudonym, das sie später beibehielt.

„Eine Milchkuh mit schönem Stil"
wurde sie von Nietzsche beleidigt - den man allenfalls verstehen kann, sollte er dabei das wenig schmeichelhafte Bild vor Augen gehabt haben, das Eugène Delacroix von ihr gemalt hatte. Da hatte sie sich gerade die Haare abgeschnitten und ihrem Liebhaber Alfred de Musset geschickt. Als de Musset auf einer gemeinsamen Reise nach Venedig schwer erkrankte, verliebte sich Sand in dessen Arzt, mit dem sie nach Paris zurückkehrte.

George Sand 1838.          Bild Wiki cc
Auf dem nebenstehenden Bild von Auguste Charpentier aus dem Jahr 1838 sieht sie so aus, wie sie sich gerne sah.

Neben unbekannten Ärzten sammelte sie vorrangig bekannte Autoren und Komponisten. Mit Chopin war sie in Mallorca unterwegs, mit anderen wie Liszt, Balzac, Flaubert, Dumas und Turgenjew anderswo.

Selbst de Musset bewunderte eher ihre Produktivität als ihre literarischen Qualitäten.

„Ich habe den ganzen Tag gearbeitet. Am Abend hatte ich zehn Verse gemacht und eine Flasche Schnaps getrunken; sie hatte einen Liter Milch getrunken und ein halbes Buch geschrieben.“
Damit kam Sand ungefähr auf den Tagesausstoß ihres Vornamensvetters Georges Simenon. Nur trank der keine Milch dazu, sondern, wenn er es bekam, belgisches Bier und dazu ein paar härtere Sachen. In seiner Pariser Wohnung hatte er sich Mitte der zwanziger Jahre eine Bar einbauen lassen, an der er und seine vielen Gäste regelmäßig einschliefen.

„Um vier Uhr früh kam meine Köchin“,
erzählte er in einem Interview des französischen Fernsehens.
„Sie tippte mir auf die Schulter. ‚Es ist Zeit‘. Ich setzte mich in eine Ecke an meine Maschine und schrieb vierzig Seiten eines Groschenromans. Wenn die anderen aufstanden, um zu frühstücken, hatte ich mein Tagewerk schon fertig.“
Die Vielschreiberin Sand - 180 Bücher und 15000 überlieferte Briefe - hat in den südfranzösischen Cevennen nur Verwunderung ausgelöst, wie Robert Louis Stevenson erzählt.
„Die Bauern, die über keine Literatur verfügten und niemals von Lokalkolorit gehört hatten“,
verstanden nicht, warum sich Sand angeregt mit einem zurückgebliebenen Kind unterhielt. Sie schlossen daraus, daß die Autorin selbst eine einfache Frau sein müsse. Auch ihre oft bewunderte Schönheit kam in den Cevennen nicht an.
„Die bekannteste Herzensbrecherin ihrer Zeit übte auf die Schweinehirten des Velay eine besonders geringe Anziehungskraft aus.“

Freitag, 29. Dezember 2017

Uzès: Die ungewöhnliche Domaine de Malaigue

Kann man einen Wein auch „sozial“ nennen, so wie das Vincent Damourette neulich in einem Beitrag für den Midi Libre getan hat?
Nachdem ich die Domaine besucht habe, muß ich sagen: Er hat recht. Als 1998 die Erträge der Domaine nicht ausreichten, hat François Reboul – mit dem Bäcker-Dichter aus Nîmes hat seine Familie nichts zu tun -, der das Weingut gerade in dritter Generation übernommen hatte, die Löhne seiner Arbeiter komplett ausbezahlt, sich selber aber nichts.


Allerdings ist das nur einmal vorgekommen, denn schon ein Jahr später war die Umwandlung zum Bio-Betrieb erfolgreich abgeschlossen und die vielen neuen Kunden akzeptieren seitdem auch die etwas höheren Preise.
 
„Den Preiskampf nach unten habe viele Winzer und vor allem Kooperativen inzwischen verloren. Den Wein im Bib abzufüllen oder im Vrac zu verkaufen, sagen wir mal für acht bis zehn Euro für die fünf Liter reicht nicht aus. Auch nicht, ihn tankzugweise und noch billiger an die großen Handelsketten zu verkaufen, schafft kein Auskommen,“
sagt Reboul. Und tatsächlich geht es vielen, die den Wein nur an-, aber nicht ausbauen, nicht besonders gut. Und das natürlich gerade in extrem trockenen Jahren, wie 2017, als die Quantität – und nur die zählt für die meisten – dreißig bis vierzig Prozent unter dem Vorjahr lag.

Hinzu kommt, das viele Winzer ihre Trauben im System der Fermage pflegen und ernten. Dabei verpachten Grundeigentümer ihre Weinberge, wobei sie dem Pächter lediglich einen Minimalbetrag von 500 bis 700 Euro je Hektar garantieren. Dafür gibt der Pächter seine Arbeitskraft, setzt seine Traktoren und die Erntemaschine ein, bezahlt Dünger und Spritzmittel und übernimmt die Ablieferung der Trauben in der Kooperative. Trockene Jahre werden so zum Risiko des Pächters. Erst wenn bestimmte Hektar-Gewichte deutlich überschritten werden, also über acht Tonnen liegen, fängt es an sich für den Pächter zu lohnen. Die hohen Werte von 15 oder manchmal über 16% bringen dem Pächter keine höheren Erträge.

Mein Favorit: Der Rosé                                          Bilder OT Uzès
Entsprechend nehmen die Brachflächen zu. Denn immerhin rund 6.000 Euro bekommt der Eigentümer für einen über sieben Jahre stillgelegten Weinberg. Südfranzösische Winzer ärgern sich hinter vorgehaltener Hand über die Kollegen aus Süditalien, wo die stillgelegten Weinberge schnell wieder bewirtschaftet werden und so also doppelt kassiert wird. Die italienischen Satelliten machen scheinbar die Augen zu, wo die französischen gleich einen Strafbefehl frei Haus liefern.

Freitag, 22. Dezember 2017

La Roque-sur-Pernes : On parle allemand

Übernachten mit Überblick im Château von La Roque
La Roque ist auch heute nichts als ein kleines Felsennest in der Nähe von Carpentras. Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges war das Dorf mit seinen verwilderten Weinbergen und Olivenhainen, wie andere auch, fast ausgestorben. Angeblich habe es hier noch zwanzig Männer, der Jüngste gut über siebzig, und fünf Hunde gegeben. Zehn Jahre später waren die Felder bestellt, neues Land gerodet und zahlreiche junge Familien hatten für eine Wiederbelebung gesorgt. Nur die Sprache hatte sich geändert. Aus dem harten Französisch der Provenzalen war ein breites, osteuropäisch angehauchtes und mit schwäbischen Worten versetztes Deutsch geworden. Sieht man auf die Briefkästen, soweit überhaupt vorhanden, stehen da Namen wie Willer, Hockl oder Landmann.

In einem Beitrag für die ZEIT vom September 1974 beschrieb Charlotte Ujlaky, wie plötzlich aus einer Tür eine kräftige Männerstimme rief:


     „Nix to. Ihr pleipt.“

Und dann die einer Frau:
"Jetzt esse rm mol a gudes Hinglpoprikasch un trnoch kumme tr Willi un tie Mireille zum Kaffee."
Und dann wurde im Türrahmen eine alte Frau mit strengem schwarzem Kopftuch und langem schwarzem Rock sichtbar. Hier ein kurzes zeitgenössisches Video, das den Sprachton wiedergibt. Und wie heute auch oft bei Flüchtlingen: Die Kinder müssen für die Eltern übersetzen.
 

Wer da zum Hühnchen-Paprika-Gulasch rief, war eine Frau aus dem Banat, der Gegend, die heute im Dreieck von Rumänien, Serbien und Ungarn liegt. Im September 1944, nach dem Frontwechsel der Rumänen, hatten sich von dort viele Deutschstämmige auf der Flucht vor der der Roten Armee auf den Weg nach Westen gemacht. Im Winter blieben die meisten in Niederösterreich hängen, obwohl sie ursprünglich aus Lothringen und dem Elsaß stammten und nicht ganz richtig als „Banater Schwaben“ genannt wurden.

Johann Lamesfeld, Landwirt aus dem Banat, rumänischer Finanzminister und später Deutschlehrer in Avignon, schrieb um Hilfe an den französischen Premierminister Robert Schumann. Der antwortete:

„Ich habe ihren Brief erhalten. Ich als Lothringer kenne die Geschichte der Banater, und ich werde dafür sorgen, dass sie – meine Banater Landsleute – eine neue Heimat in Frankreich finden.“
Und so zogen die Banater ab November 1948 in Kehl über den Rhein. Viele fanden wieder Arbeit in den Gruben in Lothringen, aber zahlreiche Familien zog es in das verlassene La Roque-sur-Pernes in der Provence.

Zu der Zeit schrieb Edouard Delebecque, der Bürgermeister gerade den Nachruf auf La Roque:

„Un village qui séteint“ (Ein Dorf verlischt).
Als das Büchlein tatsächlich 1951 erschien, war diese Geschichte überholt und das Dorf zu neuem Leben erwacht. Innerhalb weniger Jahre hatte sich die bewirtschaftete landwirtschaftliche Fläche von 50 auf knapp eintausend Hektar vervielfacht.




Triptychon von Lorin in der Ortskirche

Wer heute hierherfährt, sollte das Dorf mit seinen inzwischen 450 Einwohnern zu Fuß erkunden und im Maison de l’Histoire locale anfangen, dem kleinen Heimatmuseum in der Rue du Portail haut. Regelmäßige Öffnungszeiten gibt es nicht, aber wenn Sie Leila auf dem Handy anrufen (0033.613.18.79), dann wird es schon klappen mit der Besichtigung.

Danach vielleicht in die kleine Pfarrkirche; dort hängt ein großformatiges Bild von Marie-Louise Lorin, das die Geschichte der Banatais unter dem Schutz der Gottesmutter darstellt. Danke an Peter-Dietmar Leber für das Foto und hier seine Geschichte der Banater Schwaben sowie an Klaus Heinrichs, der diesen Beitrag über La Roque angeregt hat. Sehr luxuriös können Sie im Schloss (Bild oben)übernachten. Chantal und Jean Tomasino haben das Gebäude über vier Jahre hinweg renoviert und im Laufe der Zeit über 500 Tonnen Schutt und alte Baumaterialien bewegt. Auf der Homepage können Sie detailliert die Geschichte des Gebäudes nachlesen, wie die Grafen von Toulouse ihre Besitzungen an der Rhone an den französischen König und den Papst verlieren.

Sie können aber, sehr authentisch, auch in einem stilvoll renovierten Gutshof aus dem 18. Jahrhundert übernachten, der gerade mal 2 Kilometer vom Dorf entfernt liegt. Auch das Restaurant der „Domaine de la Grange Neuve“ ist empfehlenswert. Da haben Sie dann Provence pur.