Montag, 18. September 2017

Sanilhac: Die Einsiedelei des Veredemus und die Grotte de la Baume

Pilgerziel seit mehr als eintausend Jahren: Grotte und Kapelle von Saint Vérédème

Wer wirklich sehen will, wie ein Einsiedler im achten Jahrhundert in den Schluchten des Gardon gelebt hat, der braucht heute vor allem eines: Eine Taschenlampe. Denn ohne haben Sie den Weg - je nach Kondition 
immerhin zwischen zwei und drei Stunden - umsonst gemacht; die mehr als 150 Meter tief in den Fels gehende Grotte liegt nach gut zwanzig Metern vollständig im Dunkeln. Veredemus hat sie zwar genutzt, aber nicht gegraben. Schon in der Altsteinzeit war sie bewohnt und lange später auch noch, wie Keramikfunde beweisen, die sich im Museum in Nîmes befinden.

Ordentliche Schuhe für die teilweise in den Fels gehauene Steigungen und mindestens ein Liter Wasser sollten ebenfalls zur Ausrüstung gehören. Kurz vor der Grotte befindet sich die einfache Kapelle, die Vérédème errichtete und die zu den ältesten christlichen Gebäuden des Languedoc gehört.

Mit viel Freude und viel Wissen:
Pauline Bernard, mit Schlüsselgewalt, und Cyril Soustelle
Natürlich kann man die Wanderung auf eigene Faust unternehmen und folgt dann einfach den gelben Kennzeichnungen. Wenn man aber das Glück hat mit Pauline Bernard und Cyril Soustelle unterwegs zu sein, wird es ein ganz besonderer Tag. Sie ist die Conservatrice der Reserve Naturelle Gorges du Gardon, er, im Dorf geboren, arbeitet dort als Ranger; beide haben auf jede Frage ein Antwort und kennen jeden, dem wir unterwegs begegnen.

Wir beginnen die Tour mit einem kurzen Rundgang durch Sanilhac. Schon sind zwei Stunden vorbei, denn da ein längeres Schwätzchen, hier ein kurzer Händedruck, dort drei Küsse links, rechts, links und dann noch kurz zum Bäcker zum Einkaufen der Marschverpflegung und natürlich viele Informationen über heutige und ehemalige Bewohner. Alle haben Zeit.

Literarisch hat der Ort immerhin Albert Roux zu bieten, einen Felibre Sanilhacois, der Landwirt war und Dichter in okzitanischer Sprache wurde.


Ein wenig roch Albert Roux immer nach Petroleum
Seinen langen Bart hat er sich gegen die kleinen Kribbeltierchen alle zwei Tage mit Petroleum eingerieben, was darauf hindeutet, daß er kaum verheiratet gewesen sein kann. Also hatte er viel Zeit, lange Spaziergänge zu machen, dem Dorf die Flurnamen zu geben, die bis heute gelten und sich auch noch archäologisch zu betätigen.

Ein paar Schritte weiter kommen wir am Schloß vorbei. Es soll verkauft werden, wie andere Häuser im Ort auch. Die Nähe zu Uzès hat die Preise ins Astronomische wachsen lassen. Und kaum einer der Engländer oder Schweizer, die hier gekauft haben, weiß, daß sich einige der aus bröseligem Sandstein gebauten Häuser langsam regelrecht auflösen. Sie wundern sich, daß in den Gewölben im Erdgeschoß jeden Morgen der Boden gefegt werden muß und daß Fenstersimse einfach abbrechen. Ein Spaziergang mit Cyril hätte vorher Klarheit geschaffen.

Pauline Bernard hat die Schlüssel dabei. So kommen wir in die Kirche des Heiligen Laurent, dessen Statue links neben dem Altar steht.
Veredemus (re) und Laurent in der Saint-Laurent-Kirche in Sanilhac
Gleichberechtigt gegenüber steht Saint Vérédème, - Veredemus, wie er bei uns heißt - in einer nicht ganz zeitgemäßen Franziskanerkutte und einem Totenschädel in der rechten Hand.

Um das Jahr 700 ist er aus Griechenland nach Südfrankreich gekommen, die Rhone und den Gardon hinauf gefahren und in Sanilhac an Land gegangen. Er war vielbesuchter Einsiedler und hatte in kurzer Zeit, auch durch Wunderheilungen, einen Ruf erlangt, daß er zum Bischof von Avignon ernannt wurde. Aber auch in dieser Funktion hat er sich immer wieder längere Auszeiten in seiner Grotte de la Baume genommen.

Fast eintausendzweihundert Jahre haben die Bewohner der Region mit ihm gelebt und ihn in einer jährlichen Prozession zu seiner Grotte um Regen angefleht. Seit 1962 tun sie das nicht mehr. Die zu trockenen Jahre mehren sich; natürlich nicht deswegen, aber so ein Jahr wie 2017 ohne Regen seit März, Waldbränden und einer um ein Drittel geringeren Traubenernte und entsprechenden Verdienstausfällen möchte hier niemand wieder haben. Im Dorf spricht man schon davon, die Fürbitten an Veredemus wieder aufleben zu lassen. Auch die Schafhirten der Crau verehrten Vérédème als ihren Schutzheiligen.Dort regnet es noch weniger.

La Baume gibt es gleich zweimal in Sanilhac, natürlich Grotte, die wir gerade besucht haben, dann aber auch das gleichnamige Restaurant. Der Besuch von beiden ist empfehlenswert.



Allerdings ist die Reihenfolge der Besuche vorgegeben. Wer gegen elf Uhr dreißig einen Blick auf das Tagesmenue wirft und dann zu dem Schluß kommt, die halbe Stunde bis Mittag könne doch gut mit einem Apéro überbrückt werden, der hat schon verloren.

Man sitzt unter Olivenbäumen, an der Lavendelhecke und blickt über die Weinberge zum Mont Ventoux. Mehr Provence geht nicht. Und wenn nach dem Essen die Flasche Wein noch nicht ausgetrunken ist, ist man geneigt, den Nachmittag hier ausklingen zu lassen. Oder man ist besonders willensstark. So jemanden hat der Chef de Cuisine, eine besonders stattliche Koch-Erscheinung, aber noch nicht kennen gelernt. Und wir wollten seinen Erfahrungsschatz nicht widerlegen.

Stoff für nachmittägliche Gespräche gibt es zuhauf. Warum wir wieder die letzten im Restaurant sind und warum der Schmetterling die Sahnesoße des wunderbar rosé geratenen Bratens bevorzugt, statt der Sahne des Nachtischs und warum die Katze auf dem Nachbartisch nur herüber schaut, aber nicht bettelnd um unsere Beine streicht. Wenn das erst einmal alles geklärt ist, bliebe immer noch Zeit genug, die Wanderung nicht anzutreten.

Die Straße übrigens, die nicht weit von Sanilhac ins Gardontal führt, mag älteren Kinobesuchern bekannt vorkommen. Hier fuhr 1952 Yves Montand den mit Sprengstoff beladenen Lastwagen in „Lohn der Angst“.

Samstag, 16. September 2017

Marseille: Pilgerrefugium in der Rue du Refuge

Wer heute in Marseille ankommt hat die Wahl zwischen einer kostenlosen Übernachtungsmöglichkeit oder einer, die gut eintausend Euro kosten kann. Jacky Halter ist Fotograf und lebt in der Rue du Refuge im Panier-Viertel, im Herzen Marseilles also, in einem der alten Häuser, die von der deutschen Wehrmacht nicht weggesprengt wurden. 


Die kostenlose Pilgersuppe des Jacky Halter...
Papst Johannes XXIII. hat ihn für eine wirklich einzigartige Initiative ausgezeichnet. Jeder Pilger auf dem Jakobsweg darf in seinem Haus übernachten - kostenlos - und bekommt eine spezielle Pilgermahlzeit serviert: Die Soupe à l’ail, eine ausgesprochen kräftige Knoblauchsuppe, von der man auch am nächsten Tag noch etwas hat - „Die reinigt den Magen“ - und hinterher die Plat des Pélerins, bestehend aus Ei, Speck und Kartoffeln. Dazu gibt es einen frischen Rosé oder manchmal auch ein Hoegarden-Weissbier, wenn etwas zuviel Knoblauch in der Suppe war.
Nur Bier hilft gegen den Knoblauch, keine Milch
Wem das zu rustkal ist, der kann direkt vor dem Haus im „Ossety“ essen, einem sehr einfachen und sehr guten russischen Restaurant, dem zu wünschen ist, daß es sich noch lange hält. Spezialität sind Tontöpfchen mit Lamm- oder Hühnerfleisch und allerhand frischem Gemüse; ebenso gut die gefüllten Pfannkuchen und dazu ein eiskaltes russisches Flaschenbier.

Wo bei Halter die kostenlose Pilgermahlzeit dazu gehört, ist dies bei Gérald Passédat nicht der Fall. In seinem sternebekrönten Restaurant „Le Petit Nice-Passédat“ stehen Fischgerichte im Vordergrund, von der Galinette und dem Chapon bis zu seinem berühmten Loup Lucie.


Nicht ganz kostenlos bei Passedat...Bild Wiki cc TouN

Wenn Sie einmal ausprobieren wollen, wie ein „Sterne-Pain-Bagnat“ schmeckt, so eine Art französischer kalter Hamburger, dann können Sie das im Restaurant des „MUCEM“ machen, dem 2013 eröffneten Museum der Mittelmeerkulturen, in dem der Koch ein weiteres Standbein hat. Immerhin das erste nationale Museum Frankreichs, das nicht in Paris errichtet wurde.

Sonntag, 10. September 2017

Saint-Césaire-de-Gauzignan: Die Domaine des Luces und einige Parallelen zum Château d’Yquem

Wenn ein Winzer die Holzfässer des Château d’Yquem kauft und seine Weine – und gerade auch die Roten, die es bei Yquem ja garnicht gibt – darin lagert, dann spricht das für seinen Ehrgeiz oder es ist nur ein Marketing-Gag. Michael Bourrassol und seine Frau Séverine (Facebook: https://www.facebook.com/severinebourrassol/) haben mit Marketing bisher sehr wenig am Hut, sind also ehrgeizig und haben das schon im ersten Jahr des Bestehens der Domaine des Luces mit hervorragenden Weinen untermauert.

Yquem ist eine französische Aktiengesellschaft mit einem Kapital von 224.640 Euro. Wohl etwas mehr, vermute ich,  haben Michael und Sévrine in die Domaine investiert.Einen ziemlichen
Unterschied gibt es noch bei den Verkaufspreisen: 7 Euro kostet der derzeit teuerste Wein der Domaine des Luces, über 100.000 Euro wurden kürzlich für einen Yquem des Jahres 1787 gezahlt – für die Flasche, nur damit keine Zweifel aufkommen. Dafür hätte der amerikanische Käufer über 14.000 Flaschen bei Michael Bourrassol bekommen und damit ein Mehrfaches von dessen Produktion des ersten Jahres aufkaufen können.

Ganz billige Yquem hat übrigens Lidl vor einigen Jahren angeboten: Den 2011er für 349 Euro und den 1998er als halbe Flasche für 99 Euro. So preiswert ginge das heute nicht mehr.
Mich würde einmal interessieren, welche Ratschläge Sandrine Garbay, die Kellermeisterin von Yquem, die ihren Abschluß am renommierten Institut d’Oenologie de Bordeaux gemacht hat und ‚nebenbei‘ promovierte Biologin ist, den Beiden in Saint-Césaire geben würde. Eingeladen haben sie sie noch nicht.

Vielleicht würde sie auch sagen, daß es da garnicht mehr soviel zu verbessern gibt. Das wäre nicht nur für Michael Bourrassol ein Kompliment, sondern auch für seinen Oenologen Nicolas Berger, der auch die renommierte Domaine Saint-Firmin in Uzès berät. Immer am Donnerstag und Sonntag
fährt er die halbe Stunde raus nach Saint-Césaire. Derzeit ist man dabei die Produktion auf Bio umzustellen. Herbizide werden nicht mehr eingesetzt, statt dessen Rasen- und Mohnblumensamen ausgesät. Die Einzelheiten, auch zur Bodenbearbeitung, erzählt Ihnen Michael gerne.
Die Bourrassols haben ihren ersten Weine schöne Namen gegeben, deren Geschichten dazu man gut behält. Storytelling nennen das dann die Marketingstrategen, eine Kunst, die übrigens auch die Gestalter der Homepage von Iquem perfekt beherrschen; sie nennen das Anekdoten, in denen man etwa erfährt wie der japanische Kaiser plötzlich seine Vorliebe für die Süßweine aus Sauternes entdeckte. Wesentlich bodenständiger und familiärer geht das in Saint-Césaire zu. Daß die „Caprice de Lilou“ die Späße und Launen der kleinen Tochter Lilou wiedergeben, darauf hätte man noch kommen können. Nicht aber auf die Auflösung der „Balade d‘ amoureux“. Diese verliebten Spaziergänge machen die Eltern  der Winzer noch immer mindestens an fast jedem Wochenende. Nur hinter die Geschichte der
„Influence“, meines Lieblingsweines bin ich nicht gekommen. Wer hat hier wen beeinflußt?  Oder ist es der gute Einfluß, den die vier Rebsorten der Cuvée aufeinander haben? Syrah, Grenche, Petit verdot und Carignan sind perfekt aufeinander abgestimmt. Bei Lilou sind es übrigens Viognier und Roussane, eine Rebsorte, die vor allem im Rhônetal angebaut wird; deren Säure gibt dem eher pfirsischfruchtigen Viognier den richtigen Pfiff.

Für eine Weinprobe rufen Sie einfach an : 0033 611 39 44 84. Gegenüber der stillgelegten Kooperative geht’s die schmale Straße runter bis zum Ende und dann auf dem unbefestigten Weg noch ein paar Meter bis zum Weinkeller. Und am besten nehmen Sie auch gleich ein paar Kisten Wein mit, solange die Preise noch nicht auf Yquem-Niveau sind.




Samstag, 9. September 2017

Ankunft in Marseille: Simone de Beauvoir

Simone de Beauvoir festgehalten von Thierry Ehrmann cc
Marseille löst Gefühle aus, wird geliebt oder verachtet oder läßt einen kalt. Liebe auf den ersten Blick war es für Simone de Beauvoir.

Sie kam im September 1937 als junge Lehrerin in die Stadt, stand auf der großen Treppe am Bahnhof Saint Charles, hatte kein Zimmer, kannte keinen Menschen, wußte nicht wo ihre Schule war - und dennoch:
„Liebe auf den ersten Blick. Ich turnte über Kopfsteinpflaster, ich streifte durch die Gäßchen, ich atmete den Geruch von Teer und Seeigeln im alten Hafen, ich mischte mich unter die Menge auf den Canebière. Ich liebte die ratternden Straßenbahnen, an denen Menschentrauben hingen und die Namen der Fahrziele: La Madraque, Mazargue, Les Chartreux, Le Roucas blanc.“
Bahnhof Saint Charles: Kurz geradeaus und dann nach rechts auf die Canebière

Über dem Restaurant „L’Amirauté“ fand sie schließlich ein Zimmer „mit einem annehmbaren Pensionspreis“ und unternahm, bei gerade mal vierzehn Stunden Unterricht in der Woche, lange Wanderungen durch die Umgebung, am Hafen entlang und in die Marseille umgebenden Fjorde, die Calanques.

Segeldampfer am Alten Hafen von Marseille

„Ich ging die wasser- und windgepeitschte Mole entlang und sah den Fischern zu. Ich irrte in der Trostlosigkeit der Docks umher und ich streifte durch die Viertel, wo sonnenverbrannte Männer alte Schuhe und Lumpen kauften und verkauften.“

Samstag, 2. September 2017

Banyuls: Die selbstverständliche Fluchthilfe von Lisa und Hans Fittko

Der äußerste Süden Frankreichs war wichtige Durchgangsstation für viele Flüchtlinge, die im Zweiten Weltkrieg über Frankreich nach Spanien und weiter nach Portugal fliehen wollten.

Vielen halfen Flüchtlingsorganisationen wie das das „Emergency Rescue Committee“ unter der Leitung des amerikanischen Journalisten Varian Fry, der von Marseille aus arbeitete. Über ihn gibt Dokumentarfime und Ausstellungen, Straßen sind nach ihm benannt und ein vielbeachtetes Buch hat er geschrieben: „Auslieferung auf Verlangen“, in dem er die Rettung vieler europäischer Interlektueller schildert. Und dennoch ist er weitgehend unbekannt gebliebe.

Ebenso kann auch mit den Namen von Hans und Lisa Fittko kaum jemand etwas anfangen. Und das trotz Lisas Büchern „Mein Weg über die Pyrenäen“ und „Solidarität unerwünscht", trotz des daraus entstandenen Theaterstücks von Christoph Hein und trotz zahlreicher Film- und Radio-Dokumentationen. Erst 1985, zwanzig Jahre vor ihrem Tod hat sie mit dem Schreiben angefangen.

Teilweise auf allen Vieren suchten die Flüchtlinge den Weg über die spanische Grenze.
Auch mit guter Kondition eine anstrengende Tour - oft bei schattenlosen 35 Grad. Bis zu dreimal in
der Woche waren die Fittkos unterwegs.
Fry hat übrigens immer ein wenig den Anschein erweckt, als seien die beiden Teil seiner Organisation, Lisa Fittko dagegen legte Wert auf die Unabhängigkeit ihrer Hilfsaktionen. Bei aller Unterstützung des „Emergency Rescue Committee“ war die Distanz zwischen Fry und den Fittkos noch größer geworden, als aufgrund eines sprachlichen Mißverständnisses Fry den Eindruck gewann und auch kommunizierte, die beiden arbeiteten nur als Schleuser gegen Bezahlung; das war nicht der Fall.

Erst im Jahr 2001 wurde in Banyuls-sur-Mer eine schwer zu entziffernde
Gedenktafel enthüllt, die diese Arbeit im Verborgenen würdigte:

„Es war das Selbstverständliche.
Dem Andenken
von Lisa und Hans Fittko
und den vielen anderen.
Von September 1940 bis April 1941
führten sie - selbst bedroht -
Verfolgte des Nazi-Regimes über
die Pyrenäen.
Ihre tapfere Tat rettete
vielen Menschen das Leben.“

Heute beginnt dort, weit ab von allen Orten, an die ein Tourist in Banyuls je von alleine kommt, der „Boulevard des Evadés de France“, der Weg der Flüchtlinge in die steilen Weinberge.

Wie Heinrich Mann gerettet wurde und warum Walter Benjamin nach dem Weg über die Pyrenäen Selbstmord beging, ein einem weiteren Blogbeitrag.

Samstag, 26. August 2017

Hermann Kesten: Schriftsteller, Flüchtling und Lebensretter

Wenn wer Ende der 1920er Jahre in eine Buchhandlung ging und nach einem Werk von Erich Kästner fragte, kam es meist zur Gegenfrage: „Sie meinen doch sicher Hermann Kesten.“             

Bis 1933 war Kesten in Deutschland nicht nur als Autor, sondern vor allem als Programmleiter des Berliner Kiepenheuer Verlages eine der meinungsbildenden Persönlichkeiten der Literaturszene: Heinrich Mann, Anna Seghers und Bert Brecht gehörten zu den von ihm geförderten Autoren. Nach seiner Flucht vor den Nationalsozialisten, die ihn über Frankreich in die Vereinigten Staaten führte, entwickelte er sich zur der zentralen Figur der Exilliteratur. Neben seiner Tätigkeit als Lektor veröffentlichte er zahlreiche Artikel in der Weltbühne, der Frankfurter Zeitung und dem Berliner Tageblatt. Als „Literator“ bezeichnete ihn ob seiner Lektorenmacht und seiner vielen Verbindungen im Kulturbetrieb später Marcel Reich-Ranicki.
Toni und Hermann Kesten in New York 1943.
Auch Kestens Frau war komplett in die
Rettungsaktivitäten zahlreicher Exilautoren
vor dem Zugriff der Nationalsozialisten
eingebunden.
Vor allem aber organisierte Kesten über ein US-Hilfskomitee, das auch von Thomas Mann und Stefan Zweig unterstützt wurde, die Flucht vieler Autoren, beschaffte Visa, Geld und finanzierte manchmal auch gefälschte Papiere. 1974 erinnerte er sich:
„Ich besitze Hunderte Briefe berühmter europäischer Maler, Musiker, Professoren, Philosophen, Bildhauer und Autoren, die in ganz Amerika keinen andern wussten, der ihnen helfen konnte, ihr Leben zu retten, als mich.“
Ein solcher Satz war keine überzogene Eitelkeit, denn zu den von ihm geretteten Personen gehörten etwa Lion Feuchtwanger, Marc Chagall, Alfred Döblin und Franz Werfel.

Als hätte er seine spätere Rolle vorausgeahnt: In seinem Abituraufsatz aus dem Jahr 1919 beschäftigte sich Kesten bereits mit der Frage
"Wie kann der Dichter seinem Volke in Zeiten der Drangsal und Erniedrigung nützen?“
Schon gut zehn Jahre später war Kestens Einfluss derartig, dass Bert Brecht mit ihm allen Ernstes die Vereinbarung treffen wollte, „wechselseitig nur noch Lobendes übereinander zu sagen.“

Keine Werbung, sondern eine Notwendigkeit in Ihrer Bibliothek:
Die Kesten Biographie von Albert M. Debrunner

Heute kann mit den Namen Hermann Kesten fast niemand mehr etwas anfangen. Da sollte die kürzlich im kleinen Schweizer Nimbus-Verlag erschienene – und, kaum glaublich, erste (!) - Kesten-Biographie helfen, das zu ändern. Zwanzig Jahre hat deren Autor, der promovierte Germanist und Philosoph Albert M. Debrunner** in Archiven geforscht, Gespräche mit Zeitzeugen geführt und so zahlreiche bisher nicht bekannte Dokumente, Briefe und Familienfotos ans Licht geholt.

Nicht so ganz einfach ist das gewesen, über einen Menschen zu schreiben, wenn 1933 zahlreiche Quellen von den Nationalsozialisten vernichtet wurden, später bei Fluchten und Umzügen verloren gingen oder sogar von seiner Frau aus Angst vor den US-Geheimdiensten vorsorglich verbrannt wurden. 1940 musste Kesten seine Unterlagen vor den Nazis in einem Pariser Hotel und im Amsterdamer Exilverlag Allert de Lange zurück lassen. Ende der 1960er Jahre wurden dann Briefe und Manuskripte aus dem New Yorker Leo Baeck Institut, das sich mit der Erforschung und Dokumentation des deutschsprachigen Judentums beschäftigt, gestohlen.

In der Biographie Debrunners steht jener Hermann Kesten, der Beichtvater und Verleger, gutes und schlechtes Gewissen sowie Geld- und Ratgeber „seiner“ Autoren war, über dem Schriftsteller Kesten. Geldsorgen, Depression, Hunger, Langeweile und Angst waren die täglichen Begleiter vieler der von ihm betreuten und oft mit ihm befreundeten Schriftsteller, aber er konnte nicht immer helfen. "Wir verloren unser Volk und unsere Leser, unsere Verlage, Zeitungen, Theater, Wohnungen, Bankkonten, Pässe, Papiere, unsere Manuskripte oder Freunde, unsere Identität und viele von uns ihr Leben.“

Trotzdem gab es auch glückliche Wochen und Monate. 1934, im ersten Jahr seines Exils, bewohnte Kesten in Nizza gemeinsam mit Joseph Roth und Heinrich Mann ein Haus an der Ecke Petite Rue de la Californie und der Promenade des Anglais. Ein wahrhaft produktives Haus: Während Kesten im ersten Stock an „Ferdinand und Isabella“ arbeitete, schrieb Roth im zweiten an „Die hundert Tage“ und Mann im dritten an „Henri Quatre“; drei sehr unterschiedlich angelegte historische Romane entstanden von Etage zu Etage.
1933 in Sanary mit vielen Autorenkontakten 
und ein Jahr später in Nizza mit Heinrich Mann und Joseph Roth im gleichen Haus

Da passten die drei sehr unterschiedlichen Frauen, mit denen sie hier lebten. Manns Freundin Nelly Kroeger,
„blond, üppig und weinselig“,
erzählte grotesk-gewagte und
„manchmal schon zu deutliche Geschichten aus ihrer Mädchenzeit am Kurfürstendamm, berlinerisch ausgezogene, sozusagen splitternackte Geschichten, die mehr nach rotem Wein schmeckten als nach Nachtigallenzungen."
 
Kestens Mutter, die zweite Frau im Dichterhaus, moralisierte und zitierte die deutschen Klassiker und wenn Roths Freundin Andrea Manga Bell, regelmäßig mit leichter Verspätung ins Eckrestaurant kam, war dies jedes Mal ein perfekt inszenierter Auftritt. „Die Frau eines afrikanischen Königs war die Tochter eines Kubaners und einer blonden Hamburgerin“, wie sich Kesten in „Meine Freunde die Poeten“ erinnerte.

Für Heinrich und Thomas Mann, Alfred Döblin, Stefan Zweig, Friedrich Torberg oder Hans Magnus Enzensberger gehörte er zu den großen Romanciers des 20sten Jahrhunderts. Insgesamt rund zwanzig Romane und Biographien hat er geschrieben und wurde mit seinem Erstling „Josef sucht die Freiheit“ zu einem Hauptvertreter einer ganzen Literaturgattung, der „Neuen Sachlichkeit“. 

Debrunner schreibt seine wissenschaftlich abgesicherte Forschungsarbeit so journalistisch leicht, dass die Lektüre Spaß macht. Allerdings macht es auch kein Hehl aus der Tatsache, dass er ein großer Fan von Kesten ist. Aber so ging und geht es fast allen, die in die Umlaufbahn Hermann Kesten gezogen werden.

Und Kesten heute? Als ich kürzlich in einer Buchhandlung nach einem Werk von Kesten fragte, wurde mir zu „Emil und die Detektive“ geraten, ersatzweise („Ist es für eine Mädchen?“) zu „Das doppelte Lottchen“.
 

** Albert M. Debrunner, Jahrgang 1964, promovierte mit einer Arbeit über den Schweizer Aufklärer Johann Jakob Bodmer und arbeitet als Gymnasiallehrer in Basel. Von 2006 bis 2014 war er Präsident der Allgemeinen Lesegesellschaft Basel. Er publizierte eine Reihe von Büchern, etwa über René Schickeles Schweizer Jahre oder „Literarische Spaziergänge durch Basel“. Und was Kesten gefallen hat: Debrunner ist im Arbeitszimmer seines Vaters, zwischen tausenden von Büchern, zur Welt gekommen. In den neunziger Jahren hat er Hermann Kesten in persönlichen Begegnungen befragen können.
 
Von den Büchern, die Hermann Kesten geschrieben hat, war lange Zeit kein einziges lieferbar; seit 2014 immerhin wieder die „Dichter im Café“. Kestens Werke wurden in mehr als 30 Sprachen übersetzt. Neben Thomas Mann und Lion Feuchtwanger gehört er zu dem meist gelesenen deutschen Autoren in den USA.
 
„Zu Hause im 20. Jahrhundert: Hermann Kesten“, Nimbus Verlag, CH-Wädenswil, 2017, 448 Seiten mit zahlreichen Bildern, 36 €, ISBN 978-3-03850-032-2. Also gleich auf in die Buchhandlungen!





 

Samstag, 19. August 2017

Thierry Vezon und andere beim Festival in Uzès: Die Bilder der Camargue

Der Weg in die Unendlichkeit zwischen zwei Salzwasserlagunen
Fotoredaktionen - auch der deutsche Titel "NATURFOTO" - kommen an Thierry Vezon nicht vorbei, wenn es um Bilder der Tiere und Landschaften im Süden Frankreichs geht. Von Pinterest bis Facebook ist er in allen wichtigen sozialen Netzwerken unterwegs. Vor allem Pferde, Stiere, Flamingos und die Salinen haben es ihm angetan.
Natürlich auch in Farbe, hier aber in schwarzweiss: Pferde und Flamingos von Thierry Vezon

Vezon übernimmt Patenschaften wichtiger Festivals und ist Jury-Mitglied des renommierten Wettbewerbs "The Wildlife Photographer of the Year", der vom Naturhistorischen Museum in London und der BBC organisiert wird. Und quasi nebenbei Autor oder besser gesagt Fotograf einer ganzen Reihe von Büchern.

Thierry Vezon mit einem 
Ultraleichtflugzeug von Stephen Gänßler
Fotografieren braucht manchmal Mut und Thiery Vezon hat ihn. Seit mehreren Jahren ist er mit einem Kollegen immer wieder in einem dieser Geräte unterwegs, von denen man vor allem dann hört, wenn sie mal wieder runtergefallen sind: Eine Ultraleichtflugzeug, also einem Drachenflieger mit Motor. Über den Salinen von Aigues-Mortes oder Salin de Giraud fotografiert Vezon Gemälde, die ihm das Wasser, das Salz, Algen, Halobakterien und Salinenkrebse gezeichnet haben.

Beim „Festival photo des AZIMutés“ in Uzes, das in diesem Jahr zum drittenmal stattfand, habe ich ihn gerade getroffen und danke für seine Zustimmung die Bilder dieses Beitrags veröffentlichen zu dürfen. Blättern Sie einfach einmal auf seiner HOMEPAGE.

Das Festival insgesamt besticht mit einer abwechslungsreichen
Wartende Menschen von Alain Dauty
Auswahl der eingeladenen Fotografen, wobei mir neben Vezon, und das ist ja immer subjektiv, die Bilder des Autodidakten Alain Dauty (Les territoires de l'attente/ Wartebilder, kurz gesagt) und Simplimage, einfühlsame Portraits, die in der Galerie von Marie Palazzo ausgestellt wurden, am besten gefallen haben. Das Buch mit den 90 Portraits können Sie über den vorhergehenden Link kaufen.


Die Rencontres von Uzes sind noch nicht die von Arles, aber mit Hilfe vieler freiwilliger Engagierter eine besuchenswerte Alternative mit vielen Fotografen "zum Anfassen". Das gilt für die Ausstellungen wie für das von Jahr zu Jahr umfangreichere Vortragsprogramm.

Wenn wer mit dem Rollstuhl unterwegs ist, für den bleibt Uzes ein holpriges und manchmal unzugängliches Pflaster, wie hier auf der Rückseite der Mairie.


Samstag, 12. August 2017

Prix Goncourt und Nobelpreis: Selten für Südfranzosen

Als Autoren sind sie kaum im Gedächtnis geblieben, aber den Namen Goncourt kennt nicht nur in Frankreich jeder Literaturinteressierte. Es ist der wichtigste literarische Preis, der im Hexagone seit nun mehr als einhundert Jahren verliehen wird. Mit einem symbolischen Scheck über zehn Euro geringst dotiert, aber gleichzeitig die Garantie für künftige Verkaufserfolge.

Edmond und Jules Goncourt fotografiert von Félix Nadar. Bild Wiki cc
Die Preisträger ergeben sich scheinbar beiläufig. Denn die zehn Mitglieder der Akademie treffen ihre Entscheidung während eines Abendessens im Restaurant Drouant, nicht weit von der Pariser Oper. Tradition wird dabei groß geschrieben: Immer der gleiche runde Tisch im ersten Stock und immer das Silberbesteck mit den Namensgravuren der Mitglieder. Edmond de Goncourt hatte die Gründung der Gesellschaft testamentarisch verfügt. Da das gegen den Willen der Erben geschah, bestimmte er Alphonse Daudet zum Testamentsvollstrecker.
Wenn Sie einmal auf den Preis aus sind, empfehle ich eine Veröffentlichung Ihres Buches beim Verlag Gallimard, dessen Autoren bisher rund ein Drittel der Preise gewonnen haben.

Jemand, der sich an diese Empfehlung gehalten hat, ist der in Nizza geborene Jean-Marie Gustave Le Clézio. 
Le Clézio, Jahrgang 1940
Seine frühen Werke, darunter der Erstling „Le procès-verbal“, der in Deutschland bei Piper als „Das Protokoll“ erschien, wurden von Gallimard herausgegeben.


Für dieses Buch gab es zwar „nur“ den Prix Renaudot, unter anderem dafür im Jahr 2008 aber auch den Nobelpreis für Literatur. Das Komitee, dessen Begründungen oft genug auch beim zweiten Nachlesen noch nicht ganz nachvollziehbar sind, war der Meinung, Le Clézio sei der Garant
„des poetischen Abenteuers und der sinnlichen Ekstase, der Erforscher einer Menschlichkeit außerhalb und unterhalb der herrschenden Zivilisation“.
Er selbst, und das spricht für ihn, war eher überrascht. Die deutschsprachige Kritik,
„hochgestochener, langweiliger Ethno-Kitsch“
hieß es da schon mal, vermutete, wie Sigrid Löffler, daß nach fünfundzwanzig Jahren einfach wieder mal ein Franzose „dran“ gewesen sei. Oder sie hatte, wie Marcel Reich-Ranicki, der mal wieder vergeblich auf seinen Philip Roth gewartet hatte, einfach noch nichts von Le Clézio gelesen. 


Samstag, 5. August 2017

Alliierte Landung am Mittelmeer: Churchill liest deutsche Exilliteratur

Landung der Alliierten in Südfrankreich
Mitte August 1944 landeten die ersten amerikanischen, britischen und französischen Truppen in Südfrankreich (Unternehmen "Dragoon"). Zwischen Cannes und Toulon gingen insgesamt 180.000 Soldaten an Land, ohne auf nennenswerten deutschen Widerstand zu stoßen.

Aufnahme des Navy Fotografen McNeill vom 15.8.1944 auf der Kimberley
Zu denen, die nur zu gerne gleich dabei gewesen wären, gehörte Winston Churchill. Doch da ging es ihm in Südfrankreich nicht anders als in der Normandie. Er wurde auf den Zerstörer „Kimberley“ verbannt, der zehn Meilen vor der Küste lag und von dem aus die Landungsboote durch Geschützrauch und Morgennebel kaum zu sehen waren. Sein Fernglas übergab er dann auch schnell dem amerikanischen General Sommervelland. Und dann gab er seinem Mißvergnügen ausgerechnet mit der Lektüre des Buches einer deutschsprachigen Autorin Ausdruck. „Menschen im Hotel“ soll er während der Landung in einem Stück durchgelesen haben.

Vicki Baum, sie hatte das Buch 1929 geschrieben, war in Wien in eine jüdische Beamtenfamilie geboren worden, wurde am Konservatorium zur Musikerin ausgebildet und später eine der erfolgreichsten Autorinnen in der Weimarer Republik.

"Ich bin eine erstklassige Schriftstellerin zweiter Güte",
 
entschuldigte sie ihre auflagenstarken (bis 500.000 Exemplare) Herz-Schmerz-Romane wie "Liebe und Tod auf Bali" oder eben "Menschen im Hotel".

Vicki Baum    Bild:Wiki cc
In seiner Serie Klassiker der Weltliteratur fasste der Bayerische Rundfunk den Roman wie folgt zusammen: "In einem Berliner Luxushotel begegnen wir einer russischen Tänzerin, deren Attraktivität bereits geschwunden ist. Es gibt einen von Morphium abhängigen Arzt, einen Baron, der seinen Unterhalt mit waghalsigen Einbrüchen bestreitet, einen vor dem geschäftlichen Zusammenbruch stehenden Fabrikdirektor und dessen todkranken Buchhalter und eine Sekretärin, die ihr Herz eher leichtfertig verschenkt."

Im Jahr vor der Machtergreifung gehörte Baum zu den ersten Exilanten. „Menschen im Hotel“ wurde nur ein paar Jahre später als „Grand Hotel“ mit Greta Garbo verfilmt; einen „Oscar“ gab es als bester Film des Jahres 1932. 

Doch weiter mit dem 15.August 1944: Dieses ganze Landungsmanöver war Churchill von Anfang an gegen den Strich gegangen. Statt in Südfrankreich zu landen und sich mit den Invasionstruppen der Normandie zu vereinigen, hätte er bevorzugt, in Kroatien zu landen und den russischen Vormarsch im Osten zu stoppen. Jacques Robichon hat das in seinem Buch „Le Debarquement en Provence“ detailgenau beschrieben.

Samstag, 29. Juli 2017

Sauve und Le Vigan: Chamson und Kamisarden

Wenn man weiter in die Cevennen hineinfährt empfiehlt sich ein Gang durch das mittelalterlich Sauve, das uns die Umgehungsstraße geradezu unterschlagen möchte. Die häufigen Hochwasser der Vidourle
Sauve mal ohne Hochwasser
bestimmen den ersten Eindruck von der Stadt, schlanke Häuser auf den Felsen, die ihre unterste Fensterreihe teilweise erst in einer Höhe von zehn Metern haben. Im Haus mit den beiden Rundtürmen lebte in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts der Schriftsteller Jean-Claris de Florian, dessen bekanntestes Werk die „Plaisirs d’armour“ sind.

Zwischen Quissac und Sauve befindet sich, ein paar Kilometer in die felsige Garrigue hinein, das Schloß Forian, in dem der Schriftsteller zur Welt gekommen ist. In der Revolution von 1848 wurde es zerstört und später wieder aufgebaut. Das ehemalige Kapuzinerkloster haben die Bewohner des Städtchens ebenfalls zum Schloß erhoben und es nach der russischen Familie, die es im 19. Jahrhundert restaurierte und bewohnte, „Château russe“ getauft.

Das von Pierre Gagnier verfasste Heft über Sauve - für 50 Centimes d’Euro im Offfice de Tourisme - verschafft einen guten Überblick und stellt die zahlreichen Gebäude in ihren historischen Zusammenhängen dar.

Aus Le Vigan stammen die Vorfahren André Chamsons - mehr über seine Vita hier - und in den Cevennen verbrachte er auch seine Kindheit. Wir sind jetzt in einer Gegend

unterwegs, in der man sich manchmal bestätigen muß, dass man noch im Süden Frankreichs ist: Hohe Kastanienwälder, Tannen, enge Täler, Schnee bis ins Frühjahr und winterglatte Straßen lassen an den Schwarzwald denken. Im Musée Cevenol werden Leben und Werk von André Chamson in einem eigenen Saal gewürdigt, ähnlich lieblos, wie das Uzès mit André Gide tut. Als Saint-André läßt sich der Ort in Chamsons Werken wiedererkennen. Viele, auch neuere Bücher über die Kamisardenkriege finden sich hier.

In Deutschland sind die eher älteren Datums, wie Ludwig Tiecks Werk „Aufruhr in den Cevennen“ oder Gertrud von Le Forts „Turm der Beständigkeit“. Chamson, der aus einer protestantischen Familie stammt, hat viele Geschichten über den Kampf der Kamisarden gegen die zentralistische Königsgewalt geschrieben. „Castanet, der Kamisarde vom Mont Aigoual“ ist neben „Superbe“, der Großartigen, seine bekannteste Figur.