Samstag, 25. März 2017

Jacqueline Kennedy, Juliette Greco und die starken Frauen des Languedoc

Im erzbischöflichen Palast von Uzès tagt gelegentlich die genealogische Gesellschaft des Languedoc-Roussillon, die die Region mit ihren Forschungen um vier „starke“ Frauen bereichert hat.
Edith Piaf als US-Graffiti. Sonst natürlich: Je ne regrette rien.     c Paul Stumpr
Daß Edith Piaf aus dem Süden stammt, läßt sich gut vorstellen. Und Anne de Montemart (1847-1933) sowieso; die Herzogin von Uzès war die

Anne de Montemart:  die
erste Französin mit Führerschein
erste Frau in Frankreich, die den Führerschein machte und tatsächlich auch ein Automobil lenkte. Bei den Pferden im Stall durfte sie das angstmachende technische Gerät aber nicht unterstellen; das setzte der Pferdeknecht beim Herzog durch.

Anne de Montemart: Gelegentlich
auch schnell zu Pferd unterwegs
Ähnliches passierte zu jener Zeit Reisenden auch in den damaligen wie heutigen Touristenmetropolen. Als Rudyard Kipling, der Autor des „Dschungelbuchs“ in Avignon Station machte, verbot ihm der Hotelbesitzer sein Auto im Hof zu parken; das mache die Pferde scheu.

Auf einem überlebensgroßen Bild von Antoine Weisz im Musée Borias ist die Herzogin de Montemart als Reiterin in jagdlicher Umgebung dargestellt; wie immer übrigens in Trauerkleidung, die sie seit dem Tode ihres Mannes trug - da war sie gerade 29 Jahre alt. Die dritte im Bunde ist Jacqueline Kennedy, die in direkter Linie von Simon Mercier (1610-1686) abstammt, einem Wollschneider aus Saint Michel d‘Euzet. Und mit Juliette Greco aus Montpellier (* 27.2.1927)ist das Quartett perfekt. Wenn es nur irgendwie geht, gönnen Sie sich die Greco, die ja oft im Midi auftritt. Wenn Sie Glück haben, gehört Ihr

Chanson über „Monsieur Faulkner“ ins Programm und das Leben, das eine „drôle d‘histoire“ ist. Wenn man ihre Stimme bei diesem Lied hört, wünscht man sich nichts anderes als dieser Idiot oder der einfältige Erzähler dieser Geschichte zu sein:

La vie, c'est une drôle d'histoire
Contée par un sot
Ou par un nigaud
Une histoire
Qui s'enfuit

pleine de bruit, de fureur
Pleine de bruit, de fureur. 


 La vie, un chemin bizarre
Qui monte et descend
Et tourne et se prend
Au Hasard
Mort ou vif
Plein de nuit, de lueurs
Quand l'un rit, l'autre pleure
Comme dit Monsieur Faulkner.

Viens, viens,
Nous n'y pouvons rien
Un jour, y a plus de tout à l'heure
Viens, viens,
Ton temps t'appartient
Et par ta pauvre vie mon Coeur.

Longues, longues et froides années
Pourquoi courez-vous
Pour nous harceler ?
Moi je veux
Pour le peu
Que j'ai à faire sur la terre
Vivre au gré de mon coeur
Comme dit Monsieur Faulkner.
 





Samstag, 18. März 2017

Besonders frisch: Fische mit Glasaugen

Solange der Fischreiher noch auf einen Diebstahl aus ist, ist alles frisch.

Bei den allermeisten Restaurants in Küstennähe müssen wir uns keine Sorgen darum machen, ob die Fische, die auf den Teller kommen, tatsächlich frisch sind; meist werden sie morgens am Hafen, sei es in Sète, in Grau-du-Roi Marseille oder Antibes angelandet. Wenn man an Markttagen etwas weiter ins Landesinnere kommt, dann gilt es schon eher aufzupassen. Die Hausfrauen wissen Bescheid und suchen nach dem Fisch mit dem „klaren Blick“. In einem der ersten Bücher über „Die Provenzalische Küche“, Jean-Baptiste Reboul hat es geschrieben und schon Frédéric Mistral hielt es in seiner Küche für unentbehrlich. Genauer gesagt hielt er es unentbehrlich für seine Mutter, denn er war alles andere als ein Küchenmann.
 
Frisch auch immer am Quai des Belges in Marseille
„Gewölbt, klar und sprühend“, so beschreibt Reboul die Augen der Fische, die er selbst kaufen würde. „Eingesunkene, trübe und verschleierte“ Augen verwiesen auf einen „poisson avancé“, mit dem man vielleicht noch seiner Katze eine Freude machen könne oder den Ratten im Dorf. Die klaren Augen waren für den Kochbuchautor so wichtig, weil dieses Merkmal von den Händlern am wenigsten zu beeinflussen sei. Natürlich besprühten diese den Fisch mit Wasser, legen ihn, wenn es gut kommt, auf Eis und geißeln ihn mit Bünden frisch ausgerissener Zitronenmelisse; schon sei der Geruch sei übertüncht.

Ernst Jünger hat einen kreativen Trick des Fischers Riccardo aus Antibes beschrieben. Für Jünger, 1895 in Heidelberg geboren und unter anderem Student der Zoologie, war es beruhigend zu wissen, daß Riccardo seinen Trick nur bei den Feriengästen aus Paris zum Einsatz brachte. Seinen unverkäuflichen Fischen, deren Augen am zweiten Tag weiß und nachmittags milchig wurden, drückte er die Augen aus, setzte ihnen Glasaugen ein und verkaufte sie an die Feriengäste. Etwas aufwendig war nur, dass er jeweils anbieten mußte, die Fische zu liefern und in der Küche der Gäste auch gleich auszunehmen. So nahm er ihnen „beim Ausweiden auch die Augen zu fernerer Verwendung wieder fort. Dessen rühmte er sich beim Wein als einer verdienstvollen Tat und wie ein Mann, der sein Licht nicht unter den Scheffel stellt.“ 

Woraus wir immerhin lernen, daß auch die Augen der Fische wachsam betrachtet, am besten erfühlt werden sollten.

Samstag, 11. März 2017

Barjac: Mehr als Anselm Kiefer und Antiquitäten

Barjac ein Städtchen, das Ostern und im August zur Hauptstadt des globalen Antiquitätenhandels wird. Einkäufer aus den Vereinigten Staaten, aus England und selbst Japan fanden hier bis in die achtziger Jahre günstige Ware. Hunderte von Händlern gibt es auch heute noch, nur sind die Schnäppchen-Zeiten längst vorbei.
Der Brunnen vor dem alten Rathaus
Nicht zuletzt hat dafür der erste Messetag, der sogenannte Händlertag gesorgt. Da findet man die guten und preiswerten Dinge ab dem zweiten Tag zwar immer noch, aber zum mindestens doppelten Preis beim Standnachbarn.

Wenn Sie dennoch einmal mittendrin und nicht nur dabei sein wollen, mieten Sie sich zu Ostern bei Catherine L‘Helgoualch ein. Ihre „Domaine de la Sérénité“ liegt am Rathausplatz, also mitten im Messetrubel, ein auffälliges altes Maison de Maître und mit wertvollen Stilmöbeln, Sammlerstücken und Stoffen eingerichtet; kein Wunder, ist die Inhaberin doch selbst Antiquitätenhändlerin.

Mit Anselm Kiefer ist einer der bekanntesten deutschen Nachkriegskünstler hierher gezogen. Seine großformatigen Bilder und Collagen, zu sehen etwa in den Kunstsammlungen der Deutschen Bank, bei Würth in Erstein und Frieder Burda in Baden-Baden, sind heute teilweise noch voluminöseren Installationen gewichen.


Ein großformatiges Blumen-Bild (2,80 x 1,90 Meter) hat Kiefer den Einwohnern von Barjac geschenkt; es hängt in der Mairie und ziert zu Beginn dieses Jahres 2017 mit einem Text von Arthur Rimbaud, den dieser im Oktober 1870 geschrieben hat, die Homepage der Stadt.


C'est un trou de verdure où chante une rivière
Accrochant follement aux herbes des haillons
D'argent ; où le soleil, de la montagne fière,
Luit : c'est un petit val qui mousse de rayons.


Un soldat jeune, bouche ouverte, tête nue,
Et la nuque baignant dans le frais cresson bleu,
Dort ; il est étendu dans l'herbe sous la nue,
Pâle dans son lit vert où la lumière pleut.


Les pieds dans les glaïeuls, il dort. Souriant comme
Sourirait un enfant malade, il fait un somme:
Nature, berce-le chaudement : il a froid.


Les parfums ne font pas frissonner sa narine ;
Il dort dans le soleil, la main sur sa poitrine
Tranquille. Il a deux trous rouges au côté droit.

 

Immer seltener ist er zuletzt in der öffentlichen Wahrnehmung. Warum ausgerechnet Barjac?
„Das Verlassen eines Landes ist eine Art Hygiene. Früher habe ich mich mit der jüngsten deutschen Geschichte beschäftigt. Doch das kann man nicht ständig machen.“
In La Ribaute, einem fünfunddreißig Hektar großen ehemaligen Landgut, denkt er sich seine eigene Welt, und konstruiert seinen Sinn des Lebens.
„Ich halte das Leben aus, in dem ich in einem kleinen Bereich eine Ordnung herstelle“,
sagte er in einem Interview mit Dorothee Müller in der Süddeutschen Zeitung. Doch dann ist ihm Ordnung nicht der richtige Begriff.
„In dem ich in meinen künstlerischen Tätigkeiten einen Zusammenhang herstelle. Sonst würde ich nicht leben.“


Samstag, 4. März 2017

Cevennen: Mann ist Esel und Esel ist selber schuld

Angane vom Mas Nouguier

"Sobald eine Frau aus einem Mann einen Esel gemacht hat, redet sie ihm ein, er sei ein Löwe",
formulierte Honoré de Balzac ohne je mit einer Frau und einem Esel eine Reise durch die Cevennen gemacht zu haben.
Stevensons Weg von Le Monastier bis Saint-Jean-du-Gard ist inzwischen gerade in den Frühjahrs- und Herbstmonaten alles andere als einsam. Die Strategen des touristischen Marketings haben seine Idee perfektioniert. Mehr als zehn Eselsverleihe gibt es inzwischen entlang der Strecke und die exakte Strecke kann nachgegangen werden. Wenn da nur nicht die geschliffene Prospektsprache wäre, bei die sich viele französische Tourismus-Mitarbeiter offensichtlich von Übersetzungsprogrammen beraten lassen.

Der hohe Stellenwert der geistreich-eleganten Formulierungen findet in Frankreich überall da seine Grenze, wo diese Sprache nicht mehr die Französische ist. Manchmal kann der Eindruck entstehen, die fehlerüberfrachteten Prospekte der Tourismuswerbung seien absichtlich so schlecht gemacht. Ob aus Überheblichkeit oder um damit die Eleganz im Umgang mit dem Französischen noch stärker zu unterstreichen? Mag sein. Ein Beispiel:


„Erster Esel oder erste Woche 200 Euro. Sie könne auch ihrigen Mann mit tragen. Wenn Esel verstaucht oder Mann verletzt, Rückfahrt ist 1,50 Euro für Kilometer, sei es Esel ist selber Schuld.“ 

Egal ob jetzt die Frau den Mann tragen soll und egal auch welcher Esel das Gepäck trägt. Aufpassen müssen Sie offensichtlich nur , daß sich ihr Esel nicht verletzt und sie einen einigermaßen trittsicheren Mann haben - oder umgekehrt.


Das nebenstehende Bild stammt übrigens vom Autorenmagazin MAGDA; dort steht das Bemühen um saubere Recherche, gute Texte und einen verantwortungsvollen Umgang mit den beschriebenen Wirklichkeiten im Vordergrund.

Wenn Sie sich den obigen Prospekttext von Google ins französische rückübersetzen lassen, gewinnt er auch nicht unbedingt:

"Premier âne ou première semaine 200 Euro. Vous pouvez également transporter avec leur homme. Si ânes entorse ou le retour de l'homme blessé est de 1,50 euros pour les kilomètres, il est le cul est votre faute ".
Sollte sich Ihr Mann tatsächlich verletzt, bliebe dem noch die Möglichkeit sich den Coupe Stevenson anzusehen, ein Fußballturnier, zu dem immer auch eigens eine schottische Mannschaft nach Châteauneuf-de-Randon reist. Termine finden Sie hier.

Samstag, 25. Februar 2017

Firmin Abauzit: Der wahre Philosoph

Seine protestantische Mutter flüchtete mit dem damals Sechsjährigen in die Cevennen, als nach dem Edikt von Nantes ihr Sohn katholisch erzogen werden sollte. Dann wanderten sie in die Schweiz aus, wo Firmin Theologie und Physik studierte und sich zum gefragten Diskussionspartner etwa eines Isaac Newton entwickelte.
Blick aus dem Museum auf die Türme der Stadt Uzès

Nachdem er Newton erste Fehler nachgewiesen hatte, sagte der nur noch:
„You are well worthy to judge between Gottfried Leibniz and me.“
Firmin Abauzit
Und auch bei Voltaire hatte Abauzit einen tiefen Eindruck hinterlassen. Als ein Bewunderer Voltaires einmal sagte, er sei nur gekommen, um einen wirklich großen Denker zu sehen, antwortete dieser:
„Dann müssen Sie zu Abauzit gehen.“


Für Jean-Jacques Rousseau war er
„le seul vrai philosophe du siècle“. 
Brigitte Chimier, Kunstgeschichte hat sie studiert bevor sie Museumsleiterin in Uzes wurde, kann Ihnen viel über Abauzit und das Bild erzählen, das dort von ihm im Boreas-Museum hängt. Aber auch alles über Ulysse Dumas , über den sie eine Ausstellung organisiert hat.Den Landwirt aus
Brigitte Chimier weiß alles über Uzès

Baron, zwischen Uzès und Alès gelegen, zog es zur Archäologie und Höhlenforschung. Zahlreiche Ausgrabungen und Untersuchungen hat er in der Region durchgeführt und darüber geschrieben; meist im „Bulletin archéologique“ zum Beispiel über Megalithen bei Foissac oder die Höhle von Seynes. Auch als Dichter und Fotograf hat sich Dumas einen Namen gemacht, der mit gerade mal 36 Jahren 1909 gestorben ist.

La Rose des Vents
In seinem stattlichen Mas, dem „Maison d’Ulysse“ gleich gegenüber der Mairie von Baron können Sie ruhig und gediegen, aber nicht ganz preiswert übernachten. Zu einem ordentlichen Preis-Leistungsverhältnis essen Sie in der „Rose des Vents“, einem Restaurant, das zwar direkt an der D 981 liegt, aber dennoch eine ruhige und schattiger Terrasse in Richtung der direkt anschließenden Weinberge hat.

Celine Zouhir hat Ihre Küchen- und Servicemannschaft gut im Griff und sieht alles. Französisch regional und manchmal kreolisch angehaucht ist die Küche und gute Steacks. Ansonsten zeichnet sich Baron nur noch durch eines aus, die samstäglichen Polizeikontrollen an der Straße nach Uzès nämlich, sehr gewinnbringend, weil fast jedermann zu schnell unterwegs ist zum Markt.

Samstag, 18. Februar 2017

Vauvenargues: Moralisches aus Picassos Schloß


Vauvenargues von Charles Amadée Colin (19. Jh.)
Luc de Clapiers, der Marquis von Vauvenargues, kam erst spät zu Philosophie und Literatur und hatte nur wenig Zeit seine Moralphilosophie zu zu denken und aufzuschreiben. Mit knapp dreißig Jahren mußte er den Dienst in der Armee quittieren; ihm waren im Polnischen Erbfolgekrieg die Beine erfroren. Und vier Jahre später (1747) war es bereits tot.

Clapiers sagt man den Ausspruch nach, er habe sich erst nach dem Verlust der Beine auf die wesentlichen Dinge konzentrieren können. Und das waren neben der
„Einführung in die Erkenntnisse des menschlichen Geistes“
vor allem die „Maximes“.

Voltaire hat sie sehr geschätzt und daraus Inspiration für manches seiner Bonmots gezogen - um den Begriff Plagiat zu vermeiden. Diese Aphorismensammlung schrieb Clapiers in Vauvenargues, einem Schlößchen ein paar Kilometer außerhalb von Aix, das später Pablo Picasso gekauft hat. Mit dem Gebäude hat Picasso ein riesiges, rund eintausend Hektar großes Gelände erworben, das sich zum Montagne Sainte Victoire hinaufzieht. Der neue Eigentümer habe den Berg Cézannes dann „picassofiziert“, wie eine angesehene französische Zeitung dann nach oberflächlicher Recherche schrieb.


Es bleibt Cézannes Berg. Der Sainte Victoire läßt sich nicht einmal "picassofizieren".Bild D. Fehringer
Zum Beispiel hätte man einfach mal fragen sollen, wie viele Bilder des Berges Picasso denn gemalt habe? Wie immer ließ sich Picasso auch hier von seinen Frauen, Häusern und Landschaften inspirieren: Hier malte er in einem Jahr weit über hundert Bilder von Jacqueline Roque. Eines davon, es heißt „Weiblicher Akt unter Pinie“, zeigt den Berg in einem verschmelzenden Übergang zu Jaquelines Hand, die die steile Westflanke bildet. Aber nie hat er den heiligen Berg alleine gemalt. Wenn Picasso von Cézanne sprach, hieß es immer respektvoll „Monsieur Cézanne“. Und dieser Respekt kam auch darin zum Ausdruck, daß Picasso bei den drei Ansichten des Dorfes Vauvenargues, die er in jener Zeit malte, Cézannes Berg den Rücken zudrehte.
Für Picasso eine Sekundenentscheidung, das Schloß zu kaufen.      Bild CCI Marseille 1957
Das Schloß zu kaufen war für Picasso Liebe auf den ersten Blick. Nur von 1959 bis 1961 hat Picasso in Vauvenargues gelebt - aber seit 1973 liegt er in Vauvenargues begraben. Sechs Tage dauerte es, bis die Grabstelle aus dem harten Fels herausgehauen war. Hier hatte er damals wie jetzt die Ruhe gefunden, die er an der Riviera vermisst hatte, malte nächtelang am offenen Fenster und zum Gesang der Nachtigallen.

Wenn Sie je die Chance haben, das Schloß zu besuchen: Tun Sie es. Fünfzig Jahre nach dem Einzug Picassos, hat Catherine Hutin, Jacquelines Tochter aus erster Ehe, es erstmals der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Das war, als das Musée Granet in Aix im Jahr 2009 über einhundert Bilder von Cézanne und Picasso ausstellte. Und wenn Sie ganz viel Glück haben, können Sie sogar die Super-8-Filme sehen, die Jacqueline mit und über Picasso gedreht hat.


Zahlreiche Bilder aus dem karg eingerichteten Schloß hat Picassos Freund David Douglas Duncan gemacht. Während des Korea-Krieges war er Kriegsberichterstatter für das US-Magazin "LIFE".




 



Samstag, 11. Februar 2017

Das Kloster Solan: Glaube mit Marketing

Das Kloster von Solan muß man erst einmal finden. Für einen Geographen wäre die Lagebeschreibung ganz leicht. Innerhalb der
Dafür, daß er "bio" ist, gelingt hier ein fast göttlicher Wein
östlichen Vorberge der Cevennen liegt das Kloster auf dem nördlichen Hang des kleinen Flüsschens Tave – das übrigens auch Tavel seinen Namen leiht. Für Nicht-Geographen heißt es an der Mairie umdrehen und kurz vor dem Ortsende, da wo die vielen Briefkästen stehen, rechts hinunter fahren. Und dann, auch wenn Ihnen wegen der Beschaffenheit des durchgehend befestigten, aber immer wieder aufgebrochenen Weges Bedenken kommen, solange darauf bleiben, bis sie dort sind.

Ganze Busse mit Architektur-Studenten besuchen Solan wegen des neu gebauten Weinkellers, ein Gebäude, das seinen Reiz au dem Gegensatz 
Auch von weitem (siehe Bild oben) eine Einheit
zwischen der alten Klosteranlage, einem ehemaligen Gutshof, und der hypermodernen Industriearchitektur bezieht; die wiederum ist erbaut aus den gleichen Muschelkalkquadern wie der Pont du Gard. Etwas weniger euphorisch und so wie unsere Nachbarin sich ausdrückte, ist der Bau
„fast so schön abweisend wie das Gefängnis von Sète“.
Mére Hypandia strahlt, wenn sie die Geschichte erzählt, wie es gelang, mit Hilfe eines Maklers, die alten Gbäude zu erwerben. Seit 1991 wurde das Kloster Stück um Stück
Mère Hypandia
restauriert und erweitert. Das Geld für Kloster und Weingut war wundersam irgendwie da – „de façon miraculeuse“, wie Gründer Père Placide Deseille das formuliert. Postalisch gehört das Monastère de Solan zu La Bastide d’Engras, was aber im ländlichen Frankreich gar nichts heißt. Wenn Sie in den Ort hineinfahren, sehen Sie linker Hand von einem kleinen Platz aus, auf dem auch die Mairie steht, die Bastide. Die paar Schritte hinauf lohnen sich. Vom Kloster aber keine Spur und fast hat man den Eindruck, die wenigen Einwohner wären alle in die Häuser geflüchtet, um die Adresse ihres Weinlieferanten nicht bekannt geben zu müssen. 
 
Die Bewohner des Klosters von Solan haben sich auf einem alten Gutshof niedergelassen, der einmal Kirchengut von Pont-Saint-Esprit war. Früher katholisch also, heute orthodox. Schwestern und Brüder arbeiten gemeinsam im Kloster. Biodynamischer Anbauregeln bestimmen die Arbeit im Weinberg. Die rund fünfzig Hektoliter, die hier produziert werden, sind schnell ausverkauft. Manchmal glaube ich, allein schon wegen der phantasievoll gestalteten Etiketten und der Bezeichnungen für die Weine. Wer vermutet schon einen Rosé mit dem immerhin auch weltlich auszulegenden Titel
„Mein Geliebter hatte einen Weinberg“
als Klosterprodukt. 
 
Marketing spielt also eine Rolle, Zeit nicht. Bei der Lese, per Hand versteht sich, werden mit größter Sorgfalt auch einzelne faule
Trauben entfernt. So kann es drei, fünf oder auch schon mal zehn Minuten dauern, bis die Trauben eines einzigen Weinstocks vorsichtig in die Holzkisten gebettet werden. Auch experimentierfreudig sind die Klosterdamen. Manche Rotweine wurden zu Apéroweinen ausgebaut und es wurden auch schon einmal Pinienknospen, junge Mandeln oder Ingwerstreifen zugesetzt.
 
 

Samstag, 4. Februar 2017

Stevenson: Eine störrische Eselin und fluchende Damen


Stevenson auf einem Gemälde von John Singer Sargent, 1887
Der extrem harten Winter von 1709 ließ in den Cevennen nahezu alle Kastanienbäume erfrieren ließ sich viele Bauern für die schnell wachsenden Maulbeerbäume entscheiden. Als Robert Louis Stevenson seine „Reise mit dem Esel durch die Cevennen“ machte - so der Titel seines Buches -, wanderte er kilometerlang an Maulbeerbäumen vorbei.

Heute haben die Kastanien wieder etwas an Bedeutung gewonnen. Manche der im 17. und 18. Jahrhundert mühsam terrassierten Anbauflächen in Höhen zwischen 400 und 800 Metern werden zu neuem Leben erweckt. Selbst die Schilder, daß das Sammeln bei Strafe verboten sei, werden schon wieder häufiger.

Cevennen im Frühjahr
Einsam sind die Cevennen, ein ideales Wandergebiet, das sich der Schotte Stevenson auch aussuchte, um seinem Liebeskummer zu entfliehen. 1878 begann er seine Wanderung von Monastier nach Saint Jean. Zwei Jahre zuvor hatte der spätere Autor der „Schatzinsel“ und von „Jekyll und Hyde“ Fanny Osbourne kennen gelernt. Zunächst hatte sich Stevenson für deren achtzehnjährige Tochter interessiert, die ihm altersmäßig auch näher stand als die Mutter. Doch wie es so geht...Die verheiratete Amerikanerin war nun auf dem Weg in die Vereinigten Staaten, um sich scheiden zu lassen. So ganz glaubte Stevenson nicht daran, daß sie für ihn zurückkehren würde.

Die schöne Salomé (rechts)
Sein Frauenbild während der 14tägigen Wanderung wird geprägt von der Eselin Modestine und den scheinbar ständig fluchenden Bauers- und Wirtsfrauen.
„Meine Wirtin, die jung und hübsch war, sich wie eine Dame kleidete und das Patois wie eine Schwäche mied, wendete sich an ihr Kind im Sprachgebrauch eines betrunkenen Bauernlümmels.“
Andere könnten trotz ihrer Frömmigkeit fluchen wie Sir Toby Belch, der es darin in Shakespeares „Nacht der Könige“ schon zu einiger Meisterschaft gebracht hatte.

Stevenson hatte sich eine Eselin für die Reise ausgesucht, weil er das Pferd „unter den Tieren für eine Art feine Dame“ hielt,
„kapriziös, scheu, wählerisch beim Fressen und von zarter Gesundheit“.
Nicht bedacht hatte er dabei den starken Willen der Eselinnen oder besser deren Starrsinn. Nur mit Schlägen bekam er das Tier in den ersten Tagen voran, aber
„als würdiger Engländer ging es mir gegen den Strich, meine Hand roh gegen ein Frauenzimmer zu erheben“.
Es ging aber offensichtlich nicht anders.
Alles vom Brotbaum der Cevennen: Mehl, Sirup,
Marmelade, Mehl, Brot
„Das Geräusch meiner eigenen Hiebe machte mich ganz krank. Als ich ihr einmal ins Gesicht sah, hatte sie eine leise Ähnlichkeit mit einer Dame meiner Bekanntschaft, die mich einst mit Güte überschüttet hatte.“
Und das trug noch zur Steigerung seines eh schon schlechten Gewissens bei.

Nach 14 Tagen hatte Stevenson seine Wanderung in Saint Jean du Gard beendet, viele seltsame Menschen kennen gelernt und für ihn das Wichtigste: Fanny kam ein paar Monate später zurück – geschieden.

Die schöne Salomé können Sie, hier der Link, im Hameau Le Luziers, das gehört zu Mialet, überzeugen, daß sie eine Tour mitmachen soll;
sie ist allerdings auch kapriziös und wählerisch.

 

Samstag, 28. Januar 2017

Maguelone: "Kleines Propriété" einer Professorenwitwe

Als der Schriftsteller Moritz Hartmann, so um 1850, auf dem Canal du Rhone à Sète von Aigues-Mortes nach Sète reiste, machte er an „der weltberühmten, sagenhaften, vielbesungenen Insel“ Halt und war schnell enttäuscht.
Von der westgotischen Burg über die Kathedrale zum Weinanbau im Mittelmeer

„Es sieht traurig aus, dieses kleine Eiland, das einstens einen mächtigen Bischofssitz auf seinem schmalen Rücken getragen.“
Heute ist aus der Insel eine Halbinsel geworden, auf die Sie in den unvertouristeten Monaten mit dem Auto fahren und von dort eine einsamste Strandwanderung machen können. Öde und einsam empfand auch
Nicht nur im November: Viel Platz am Strand
Hartmann den geschichtsträchtigen Ort. Selbst die auf dem Meer vorbeiziehenden Schiffe
„würdigen das alte Gemäuer keines Blickes. Einige Rinder, der Schaffner mit Weib und Kind sind die einzigen Bewohner, und das Land, das ehemals so stolze Titel trug, gehört als ‚kleine Propriété’ einer simplen Professorswitwe aus Montpellier.“

Rund eintausend Jahre lang, bis ins 16. Jahrhundert, war Maguelone Bischofssitz, ein kleiner Flecken Land von nicht einmal einem Quadratkilometer. Die Kathedrale war mehr Wehrkirche als Gotteshaus und mit ihren Mauern von zweieinhalb Metern Dicke, mit den Pechnasen und Schießscharten Teil der Stadtmauer geworden. Und immer waren
Wehrhaft (Bild: cc Wiki Bonhu1962)
Stadt und Kirche umkämpft. Die Sarazenen eroberten den Ort im 8. Jahrhundert, wenig später dann Karl Martell: Die von den Arabern geschonte Kirche wurde vom Christen zerstört. Wieder und prächtiger aufgebaut, weil sich immer wieder Päpste hier aufhielten, war Maguelone während der Religionskriege mal protestantisch, mal katholisch, bis Richelieu den Befehl zum Schleifen gab. Diesmal blieb aber wenigstens die Kirche erhalten.

Allmählich ist Maguelone dabei, seinen Frieden zu finden. Dies ist vor allem 
den "Compagnons de Maguelone" verdanken, die sich dort um schwer erziehbare und behinderte Jugendliche kümmert. Auf deren Homepage können Sie einen virtuellen Rundgang durch die Kirch machen und Sie bekommen einen Überblick über die klassischen Konzerte in diesem klangwunderbaren Raum.

Weiter gibt es eine Gaststätte, in der der dort angebaute Wein verkauft wird - an dem Diabetiker ihre Freude haben werden - und einen Hofladen am südlichen Ortausgang von Palavas; lassen Sie sich von dem Schild „Sackgasse“ nicht abschrecken. Den Einkauf aber am besten erst bei der abendlichen Rückfahrt, es sei denn, Sie müßten sich noch noch für ein Strandpicknick versorgen.

Von dort sind es gerade mal zwei drei Kilometer zur Kathedrale, die Sie im Sommer auch mit dem kleinen Bähnchen zurücklegen können, das abends diejenigen Strandbesucher einsammelt, die südlich von Maguelone gerne für sich sein möchten und das selbst in der Hochsaison auch können. Und wahrscheinlich werden Sie auch eine
Eldorado für Kinder und ältere Kieselfreunde
Tasche voller Muscheln und besonders schön vom Meer zugeschliffenen Handschmeichler-Kiesel mit nach Hause nehmen.



Samstag, 21. Januar 2017

Les Baux: Morgners weiblicher Troubadour

Irmtraud Morgner
Gab es auch Troubadourinnen? Für die DDR- Schriftstellerin Irmtraud Morgner (1933 bis 1990; Bild: Bundesarchiv, Ausschnitt)) keine Frage. Ihre Trobadora Beatriz wird nach einem achthundertjährigen Schlaf sehr rüde aufgeweckt - in der DDR. „Dieser Roman, der so lächelnd schon im Titel verspricht, uns in eine ferne Provence des Mittelalters zu entführen, spielt heute“, warnte der Luchterhand Verlag seine westdeutschen Leser schon auf dem Umschlag der Taschenbuchausgabe.

Der Roman „Leben und Abenteuer der Trobadora Beatriz nach Zeugnissen ihrer Spielfrau Laura“ erschien 1974. Da wurde sie bereits von ihrem Mann, dem Lyriker und Drehbuchautor Paul Wiems für das Ministerium für Staatssicherheit bespitzelt. 1977 ließ sich Morgner von Wiems scheiden.

Der erste Satz:

„Natürlich ist das Land ein Ort des Wunderbaren.“
Da hat Irmtraud Morgner sich gründlich geirrt, sollte sie tatsächlich die DDR als das gelobte Land der Emanzipation der Dichterinnen und Schriftstellerinnen gemeint haben; obwohl man das bei nicht weiß, schließlich war sie dort im Vorstand des Schriftstellerverbandes.  Oder hat sie ihn ironisch beschrieben, diesen Staat, in dem ideologische Bewertungen entschieden, wer schreiben durfte, wer gedruckt und gelesen werden durfte. Ein bürokratisch kontrolliertes System der Literaturgewährung für die Leser. Die für mich nachvollziehbarste Deutung bezieht diesen Satz auf das Land, in dem die Trobadora eingeschlafen ist, auf die Provence, auf Les Baux.
Übergangslos: Stadt Fels Ort.                                         Bild Oleg Znamenskiy cc
„Sie brannte auf das Wiedersehen mit der einzigartigen Stadt, die in wilder Felsenlandschaft hoch aus einem Monolith gehauen war, ohne sichtbare Übergänge vom Fels zum kunstvollen Gemäuer. Diese knochenähnlich verwitterten Felsenformen, die nackt und gewaltig in Kräutern stehen, steil.“
Dann trifft sie einen Autofahrer, der ihr erklärt, daß statt des Bauxit heute die Touristen ausgebeutet werden, und sie in die tief in die Felsen gehauenen Weinkeller von Sarragan schickt.

Immer die ideale Temperatur.                Bild:Cave
Genießen Sie im Sommer einen Temperaturunterschied von meist mehr als zwanzig Grad und gönnen Sie sich hier Ihren Apéro in Form von ein zwei Gläschen Rosé, der aber wirklich nur hier schmeckt. Alles andere als ein großer Wein und denken Sie an die Trobadora und die Ausbeutung. Mit dem Bauxit, das ihm seinen Namen gab, hat Les Baux heute gar nichts mehr zu tun. Das kommt heute aus Brignoles, im Landesinneren zwischen Marseille und Toulon an der A 8 gelegen. Zwei Millionen Tonnen dieses Ausgangsmaterials zur Aluminiumherstellung werden hier gewonnen.

Wer mehr über die Agententätigkeit von Wiems nachlesen will, dem sei das Buch „Sicherungsbereich Literatur. Schriftsteller und Staatssicherheit in der Deutschen Demokratischen Republik“ von Joachim Walther ans Herz gelegt, das 1999 bei Ullstein erschien. Zu den vom bespitzelten Autoren gehörten Heinrich Böll und Günter Grass, aber auch Jurek Becker und Wolf Biermann, sowie Andrej Sacharow und Lew Kopelew.