Samstag, 20. Mai 2017

Anduze: Liebesbriefe und Reklamationen an EDF

Die Cevennen und ihre vorgelagerten Ebenen sind eine Region mit einer überproportionalen Quote von Menschen, die französisch kaum bis sehr schlecht sprechen und manchmal gar nicht schreiben - nicht zuletzt die vielen Nordafrikaner aber auch spanische Einwanderer, oft ehemalige Erntehelfer, die hier geblieben sind.

In Anduze findet deshalb Françoise Poupart als „Ecrivain public“, als öffentliche Schreiberin, ihr Auskommen. Manchmal muß man nicht einmal ihr Büro aufsuchen, sondern trifft sie auf dem Markt. „La Plume de Françoise“ heißt ihr kleines Unternehmen, in dem sie Briefe an France Telecom oder die Gas- und Elektrizitätswerke ebenso schreibt wie einen Liebesbrief oder den kondolierenden.

Daneben auch Familien- und Firmengeschichten oder in wohlgesetzten Worten, wie man sich von ihr oder ihm trennt.

Samstag, 13. Mai 2017

Combes: Der Wald der toten Schriftsteller

Man muß schon eine Vorliebe für sehr ausgefallene Orte haben, um sich von Sauve noch einmal mindestens zweieinhalb Stunden weiter in die Cevennen, genauer gesagt ins Massiv von Caroux-Espinouse hinein zu wagen. Dann erreichen Sie den „Forêt des écrivains combattants“ zwischen Combes und Rosis. Bevor Sie dieses Wagnis auf engen und schlaglöchrigen Straßen eingehen, Wegen eher, auf denen Sie zudem neununddreißigmal weder eine Abbiegung verpassen noch einmal falsch aus einem Kreisverkehr hinausfahren dürfen, sollten Sie Ihr GPS einstellen. Nur mit Karte werden Sie scheitern.
Genau 560 Autoren wurde dort, in einem über einhundert Hektar großen Gelände, ein Naturdenkmal gesetzt, ein Baum für jeden der französischen Schriftsteller, die im Ersten Weltkrieg gefallen sind: Pinien, Zedern, Douglasien und die aus den Vereinigten Staaten stammenden Roteichen. Auch die Toten des Zweiten Weltkrieges sind inzwischen berücksichtigt.
 
Neben alliierten Mitstreitern aus Nordamerika und Italien befinden sich auch die beiden Frauen Marietta Martin und Irène Némirovsky auf der Liste. Viele der Autoren, sieht man einmal von Antoine de Saint-Exupéry und Paul Drouot ab und vielleicht noch Charles Péguy, sind in Deutschland (und ein paar weniger in Frankreich) völlig unbekannt.

Die Idee dazu propagierte der ehemalige Marineoffizier und Schriftsteller Claude Farrère, der 1931 Vorsitzender der Association des écrivains combattants war. Noch mehr als zehn Jahre nach Kriegsende kämpfte er um die den Kriegsversehrten versprochenen, aber nicht ausgezahlten Pensionen. Wenige Jahre später wurde er in die Académie française gewählt.

Ysabelle Lacamp gehört zu den aktuellen französischen
Schriftstellern, die sich für den Wald der toten Kollegen einsetzen


Mit Emmanuel Bourcier hatte Farrère den Mann an seiner Seite, der das Projekt vor Ort betrieb und in der Landschaftsgärtnerin Francisque Lacarelle eine überzeugte Mitstreiterin, die die weitere Aufforstung des Gebietes umsetzte. Dabei pflanzte sie mehr als zehntausend Bäume auf eigene Kosten. Bei der Jahrhundert-Überschwemmung von 1983 wurde ein Viertel des Gebietes völlig zerstört.

Den Roman von Danielle Auby über den „Wald der toten Dichter“, der 1993 als „Bleu Horizon“ in Frankreich erschien, können Sie lesen, wenn Sie ihn wirklich nur als Roman begreifen und es Ihnen auf historische Ungenauigkeiten nicht ankommt. Keinesfalls sind alle toten Dichter im Jahr 1891 geboren: Péguy 1873, Drouot 1886 und Martin 1902.


 
 
Charles Peguy      Bild Wiki cc

Der Tod ist nichts

Der Tod ist nichts, ich bin nur in das Zimmer
nebenan gegangen. Ich bin ich, ihr seid ihr.
Das, was ich für Euch war, bin ich immer noch.
Gebt mir den Namen, den ihr mir immer gegeben habt.
Sprecht mit mir, wie ihr es immer getan habt.
Gebraucht nicht eine andere Redensweise,
seid nicht feierlich oder traurig.
Lacht weiterhin über das, worüber wir gemeinsam
gelacht haben.
Betet, lacht, denkt an mich, betet für mich
damit mein Name im Hause gesprochen wird,
so wie es immer war,
ohne besondere Betonung, ohne die Spur des Schattens.
Das Leben bedeutet das, was es immer war.
Der Faden ist nicht durchschnitten.
Warum soll ich nicht mehr in euren Gedanken sein,
nur weil ich nicht mehr in eurem Blickfeld bin?
Ich bin nicht weit weg,
nur auf der anderen Seite des Weges.


Charles Peguy


PS. Mit dem „Club der toten Dichter“ von Nancy Kleinbaum hat das überhaupt nichts zu tun und sei hier nur erwähnt, weil Kleinbaums Roman einer der wenigen ist, die nach einer Verfilmung entstanden sind.

Sonntag, 7. Mai 2017

Saint Cézaire de Gauzignan: Oliven sind "Eine Frage der Zeit"

Rot oder schwarz: Nie roh

Nichts wie unbeschreiblich bitterwiderlich schmecken rohe Oliven, von denen Sie einmal eine vom Baum probieren sollten; und zwar ganz egal, ob grün, violettgrün oder schwarz. Der Dichter Racine hat diese Erfahrung gemacht und beschrieben. Noch Stunden später hat er diesen fürchterlichen Geschmack im Mund gehabt.

Olivenbäume zu pflanzen ist etwas, bei dem man an die nächste oder übernächste Generation denken sollte. "Eine Frage der Zeit" also, ähnlich wie beim Bau des kleinen Kriegsschiffes im genialen Buch von Alex Capus. Dort werden drei Werftarbeiter in Deutsch-Ostafrika zum Verzögerer der Zeit.

Wer die Zeit überlisten will und das Glück hat, dasss der Baum angeht, kaufe sich eine Olive von hundert oder zweihundert Jahren und zahle einen ordentlichen vierstelligen Betrag.

Der Versuch, die Oliven einmal selbst einzulegen, wird beim erstenmal aller Voraussicht nach so daneben gehen, daß Sie lieber weiter viel Geld auf dem Markt ausgeben werden. Soviele Spezialisten Sie fragen, so viele Ratschläge über die „einzig korrekte und traditionelle“

Eingelegte Oliven in allen Variationen                                                  Bild Dominik Fehringer
Vorgehensweise bekommen Sie. Als der Olivenbaum unserer Nachbarin Yannick nach vierzehn Jahren umgepflanzt wurde und im fünfzehnten Jahr erstmals trug, weil er in dem Jahr nur mit dem stark gechlorten Wasser des Schwimmbads gegossen worden war, hatte sie in kürzester Zeit ein kleines Rezeptbüchlein gefüllt. Meist stammten die Rezepte von Männern.
Überschaubare Ausbeute nach 15 Jahren

Patrice schwor auf die ange-
stochenen Oliven. Tagelang hatte er seinem Großvater helfen müssen, jede einzelne Olive mit ungefähr zwanzig Nadelstichen zu piquieren. Da mußte erst die Großmutter darauf kommen, einen halbierten Korken mit zahlreichen Nadeln zu spicken, um das Verfahren zu beschleunigen. Für die dreihundert Gramm, die Yannick von ihrem Bäumchen abgepflückt hatte, ging das auch ohne „Igel“. Dann einen Tag unter Salz verstecken, um sie zu entwässern und später in einem Topf mit Lorbeerblättern, Rosmarinzweigen und ungeschälten Knoblauchzehen in Olivenöl einlegen.

Musterbeispiel eines gepflegten Olivenhains mit 80jährigen Bäumen
„Das könne ja nicht funktionieren“, war sich Monsieur Martin sicher. In jedem Fall sei es besser, wenn man die Oliven nicht ansteche, sondern spalte, ganz schwierig allerdings, weil die Olive, wenn man mit dem kleinen Holzhammer draufschlage, auf keinen Fall zerquetscht werden dürfe. Dann vier Wochen lang bei täglichem Wasserwechsel entbittern. Schließlich werden die Oliven in einer Salzlake, die mit Fenchel, einer Handvoll Lorbeerblättern und Orangenschalen gewürzt wird, gekocht und bleiben danach für sechs bis acht Wochen haltbar.

Der Zeitpunkt der Ernte spielt ebenfalls eine entscheidende Rolle. Da können Sie einfach am Kalender der Heiligen orientieren. „Per Santo Catarina l’oli est à l’oulivo, per San Blaise l’es encore mai”, heißt es auf provenzalisch, also besser die Oliven am Blasiustag als am Katharinentag ernten, weil dann noch mehr Öl drin zu finden sei.

Ein Mitbringsel, mit dem Sie Ehre einlegen werden, kommt aus der Ölmühle von Roger Paradis zwischen Saint-Cézaire de Gauzignan und Martignargues. Paradis, die Familie macht Olivenöl in vierter Generation, nimmt für seine Produktion ausschließlich die Oliven aus der näheren Umgebung. Manchmal im Winter steht eine lange Schlange von „Lieferanten“ in privaten Autos vor seinem Haus, manche mit nicht mehr als einem oder zwei Eimern voll, die vom Olivenbaum im Garten oder vom wieder ausgeschlagenen Baum auf dem schwer zugänglichen Grundstück des Großvaters stammen. Bei dem großen Frost des Jahres 1956 erfroren Hunderttausende selbst älterer Olivenbäume im westlichen Mittelmeerraum.
Die langfristigen Bäume wurden durch kurzfristige Reben ersetzt.
 

Donnerstag, 4. Mai 2017

Theodor Wolff: Irrfahrt über Nizza, Cannes, Aix-en-Provence und Montpellier

Die Promenade der Engländer heute,
aber scheinbar in der 1930er Jahren. Ein Foto von mue62 und gleichzeitig der Link
zu vielen weiteren beeindruckenden Fotos aus Südfrankreich.
Theodor Wolff, ehemaliger Chefredakteur des Berliner Tageblatts, das bis 1933 die einflußreichste Tageszeitung der Hauptstadt war, hatte Autoren wie Alfred Kerr, Rudolf Olden, Kurt Tucholsky, Joseph Roth und Alfred (und nicht Albert) Einstein für das Blatt gewonnen. Früh mußte er aus dem nationalsozialistischen Deutschland fliehen.
In Nizza hatten sich die Wolffs nach 1938 behaglich eingerichtet. Ein Haus am Meer, einige tausend Bände in der Bibliothek, die alten Möbel und Bilder - zu jedem konnten sie die Geschichte erzählen, wie sie auf einem der Pariser Flohmärkte gefunden hatten und warum sie es dann gekauft hatten – aber auch die vielen Treffen mit freundlichen Menschen hatten sie hoffen lassen,
„nicht wieder hinaus zu müssen, in eine verrückte Welt, in das Chaos und die dunkle Ungewißheit“.

Selbst die wenigsten Journalisten wissen
mit dem Namen noch etwas anzufangen. Bild BDZV
Wolff war angesehen in Nizza, nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, daß einer seiner beiden Söhne auf Seiten Frankreichs in der Fremdenlegion kämpfte. „Sie haben nichts zu befürchten“, hieß es von der Präfektur.

Dann aber doch. Alle Österreicher und Deutschen hatten das Gebiet der 14. Militärzone sofort zu verlassen. Ein letzter Gang durch die Stadt, ein Blick auf die Boulespieler, die das alles nicht interessiert:

„Kleinbürger in Hemdsärmeln messen nach jedem Kugelwurf sachkundig und wichtig die Distanz.“
Abfahrt nach Cannes, im Gepäck die Flohmarktkäufe wie ein kleines Mädchenbild von Gauguin und einen Toulouse-Lautrec. Zwei Tage später ein Hotel in Roquefavour bei Aix; da fallen abends die ersten Bomben und eine alte Engländerin setzt sich mit ihrem Opernglas in den Garten, „um das Schaupiel besser genießen zu können“. Weiter über Arles nach Montpellier und Saint-Gilles, „wo ein anlockendes Plakat die Existenz eines WC verkündet und damit die Vornehmheit“ des Hotels zu erkennen gibt.

Der Krieg, „der dort irgendwo im Norden Frankreichs Schrecken und Unglück erzeugt“, findet hier nicht statt; man liest allenfalls darüber.

„Hier unten, wo weder die Deutschen noch die Italiener die Sonne des Lebens verdunkeln, ist der Krieg eine Angelegenheit des Nordens, im übrigen sogar die Ursache mancher, allerdings taktvoll verschwiegener Vorteile, da er so viele zahlungsfähige Personen in die sonst spärlicheer besuchten Gegenden treibt."
Wolffs Bemühungen, Ausreisepapiere in die Vereinigten Staaten zu erhalten, scheitern mehrfach. 1943 wird er, wieder zurück in Nizza, von der italienischen Besatzungsmacht verhaftet, an die Gestapo ausgeliefert und stirbt noch im gleichen Jahr, nach einer Gefangenschaft im Konzentrationslager Oranienburg, im Jüdischen Krankenhaus in Berlin.

Den meisten ist Wolff nur als Namensgeber für den Journalistenpreis geläufig, den der Bundesverband der Zeitungsverleger jedes Jahr verleiht.

Samstag, 29. April 2017

Salon de Provence: Seifenmanufakturen Fabre und Rampal-Latour

Julie und Marie Bousquet-Fabre   Bilder:Schetter
Es waren einmal vierzehn; nur noch zwei Manufakturen für Seife gibt es heute in Salon de Provence: Marius Fabre und Rampal-Latour (in der rue Félix Pyat) stellen die traditionelle Savon de Marseille in vierter Generation beziehungsweise seit 1828 her.

Als im Jahr 1900 der 22jährige Marius Fabre in einer Scheune in Salon-de-Provence zwei Seifensiedekessel und ein paar Gießbecken aufstellte, begann eine Familientradition, die andauert. Julie und Marie Bousquet-Fabre, die Urenkelinnen des Gründers kümmern sich heute in der Avenue Paul Bourret ums Geschäft.

1688 legt Ludwig XIV. mit dem Edikt von Colbert die Regeln für die Herstellung der Seife fest. Sie muß in offenen Kesseln gesiedet und darf ausschließlich aus hochwertigen pflanzlichen Ölen hergestellt werden. Künstliche Farbstoffe und Konservierungsmittel sind tabu. Marius Fabre ist heute eine von nur noch vier traditionellen Seifenmanufakturen, die nach diesen Regeln arbeiten.


Pflanzenöl und Soda kochen
zehn Tage bei 125 Grad
Eine Spezialität bei Fabre ist die Herstellung einer schwarzen Schmierseife „Savon Noir“; auch auf der Basis von Olivenöl . Sie ist ein „Wundermittel“ für vielfältigste Anwendungen, von der Bodenpflege bei Holz und auf Fliesen bis hin zum putzen von Silber oder Kupfer. Auf dem Hundefell hilft sie gegen Blattläuse und macht das Fell besonders weich und glänzend.

Das Museum direkt neben der Fabrik lohnt den Besuch, auch weil speziell für Kinder ein Workshop mit dem Diplom des „kleinen Seifensieders“ angeboten wird.


Noch einmal gut 70 Jahre ist die Manufaktur Rampal-Latour . Deren Gründer, Pierre Rampal lernte sein Handwerk in Marseille, wo er auch Seifenmeister wurde. Eine erste große Auszeichnung, eine Goldmedaille, gab es auf der Weltausstellung des Jahres 1900. Zu Beginn der 1950er Jahre, bedingt durch das Aufkommen der Waschmaschinen, fanden viele Siedereien keine Abnahme mehr. Rampal-Latour und Fabre überlebten, weil sie sich mit naturreinen kosmetischen Produkten dem Markt anpassten und einen Trend eher mitbegründeten als aufsprangen.

Samstag, 22. April 2017

Resistance-Kämpfer und Dichter René Char: Der Tod des Freundes

In Isle-sur-Sorgue ist René Char 1907 zur Welt gekommen und in seiner Heimatregion kämpfte er als sehr frühes Resistance-Mitglied als „Capitaine Alexandre“ gegen die deutschen Besatzungstruppen. In seinem Werk verarbeitete Char immer wieder Begebenheiten aus seiner Zeit im Widerstand, so auch den Tod seines Dichterfreundes und Mitkämpfers Roger Bernard. Bernard wurde auf dem Weg zu Char erschossen. In „Hypnos“, seinem bekanntesten Buch, vermacht uns Char letzte Texte seines Freundes:

„Dann plötzlich betrachtet
der verstümmelte Kopf den Boden,
und die Sonnenblume stirbt,
und frisches Schluchzen zerfällt in Kristalle.“

Und Char beklagt:
„Dies ist der Dichter, den wir verloren haben.“

Zuvor hatte Char erfreut gesehen, wie der junge Drucker Bernard sich vom Leser zum Schreiber entwickelte.
„Begierig, ans Werk zu gehen, sich zu vervollkommnen verbringt der Heranwachsende lange Abende über die Bücher gebeugt, vertraut mit dem Unbezwingbaren, das er schließlich darstellen kann; daher rührte auch eine frühzeitige Schwäche seiner sehr blauen Augen, die in eine Legierung von Nordsee und Lavendel getaucht schienen.“

Char als Held der Resistance                 Bild Vimeo


Zwischen zwei Sabotageakten habe Bernard ihm neue Gedichte vorgelesen.

„Als Kurier auf dem Weg zum Kommandoposten von Céreste fällt er am 22. Juni 1944 den Deutschen in die Hände. Da er sich weigert, auf die ihm gestellten Fragen zu antworten, wird er wenig später auf der Landstraße erschossen. Ein Maulbeerbaum und ein zerstörter Bahnhof sind die nächsten Zeugen seines Todes.“


Samstag, 15. April 2017

Anduze: Mitarbeiten im Kloster von Cabanoule

Einsam in den Cevennen. Alle Bilder Monstère Dieu-Paix
"Cabanoule?" sagt das Navi: Das hätte es noch nie gehört. Auch ein Monastère Dieu-Paix nicht. Und doch gibt es das Kloster 4 oder 5 Kilometer von Anduze entfernt in einem kleinen Nebental auf der rechten Seite des Gardon. Wenn Sie tatsächlich hin wollen, werden Sie es schon finden, zum Beispiel über die Anfahrtsskizze der Homepage oder einfach mitten in der Kurve vor der Töpferei "Les Enfants de Boisset" links den Berg hochfahren. 

Ehemals ein Zisterzienserkloster wird es heute von zwölf Schwestern, Trappistinnen, und einem Bruder bewohnt. Genau so viele waren es 1970, bei der Gründung der Gemeinschaft - eine heilige Zahl, die nie unterschritten wurde. Die Klostergemeinschaft kaufte damals einen aufgegebenen Bergbauernhof und hat ihn selbst hergerichtet und später die Kirche erbaut.

Ehemals ein Bauernhof mit der für die Cevennen typischen Terrassierung
Neben den sozialen Engagements arbeiten die Bewohner in den klostereigenen Werkstätten, produzieren Lavendelessenz, ein riesiges Feld befindet sich hinter der erst 1998 eingeweihten und ganz schlicht ausgestatteten Kirche , oder sie rollen Kerzen - Zigarren sagen die Schwestern dazu - aus Bienenwaben oder
produzieren eine sehr kalorienhaltige Süßigkeit: die Rocamandines, kleine Marzipankugeln, die mit schwarzer oder weißer Schokolade ummantelt sind.

Im Laden erklärt Schwester Marie Christine, dass man mit dem trappistischen Schweigegebot nicht so genau nehme: "Man soll nichts
Soeur Marie Christine
übertreiben. Schließlich leben wir im 21. Jahrhundert." Sie und ihre Mitschwestern sind tatsächlich kommunikativ und aufgeschlossen - das zeigen auch die Portraits auf der Homepage. Die Preise im Klosterladen sind nicht immer nach zu vollziehen. Mal die 40 Centimes für einen Ring mit christlichen Symbolen, vergoldet 50 Centimes, mal die 14 Euro für ein kleines Glas Honig. Mit Klöstern in Frankreich, Spanien und Griechenland tauscht man die Produkte und verkauft gegenseitig - ein funktionierendes System. Die Ikonen aus dem griechischen Partnerkloster sind mit "handwerklich und handgearbeitet" gekennzeichnet. Das seinen sie auch "irgendwie", sagte Schwester Marie Christine, aber "ich glaube nicht, dass sie handgemalt sind, vielleicht handverpackt". Sonst müssten sie ja auch viel teurer sein als 50 oder 80 Euro. "Da fehlt dann eine Null oder zwei."


Ostereinkauf im Kloster
Das Kloster bietet auf Voranmeldung einige Zimmer an, für alle, die die absolute Ruhe suchen. Aber auch für die, die im Kloster mitarbeiten wollen: "Sei es ein Tag, eine Woche, ein Monat." Dieser freiwillige Dienst wird von vielen wahr genommen - auch wegen der drei Mahlzeiten am Tag und der ebenso phantasievollen wie gesunden Klosterküche. Einen kleinen Weinvorrat sollten sie aber auf dem Zimmer haben.

Samstag, 8. April 2017

Bambousseraie bei Anduze: Kleines Asien im Midi

Auch roter und schwarzer Bambus in der Bambousseraie bei Anduze
In den Bambusgärten von Prafrance bei Anduze herrscht das Mikroklima wie man es eher aus den subtropischen Gegenden Kleinasiens oder Südamerikas kennt. Bei Filmaufnahmen, wie zum Beispiel für Clouzots „Lohn der Angst“ aus dem Jahr 1952, mußten die Bambuswälder als südamerikanische Kulisse für Yves Montand, der aus Marseille stammt, und Peter Van Eyck herhalten.

Bestimmte Sorten wachsen bis zu 1 Meter pro Tag
Der Name des rund fünfunddreißig Hektar großen ehemaligen Landgutes hat eine zum Leidwesen der Eigentümer heute nicht mehr gültige Bedeutung. Prafrance bedeutete einmal steuerfrei. Eugéne Mazel, ein reicher Gewürzhändler und Botaniker, hatte das Gut Mitte des 19. Jahrhunderts gekauft, um sich sein Asien in Südfrankreich zu verwirklichen. Das gelang in der Anfangsphase auch, doch dann führten die immensen Kosten für Personal und die künstliche Bewässerung zu seinem Ruin.

Seit 1902 ist es nun die Familie Nègre- Crouzet, die die Parkanlagen führt, jährlich weiter ausbaut und ein gewinnbringendes Unternehmen daraus gemacht hat. Nicht nur der Berliner Zoo ist guter Kunde in Prafrance; von hier kommen die Bambusschößlinge für die Pandas in zahlreichen Zoologischen Gärten. Zwei bis vier Stunden sollten Sie für die Besichtigung der Wassergärten, der Koi-Teiche, des Labyrinths und des Teehauses einplanen. Nur niemals an einem Sommersonntag nach zehn Uhr hierher kommen. Es sei denn, Sie wollen die dann mindestens dreißigminütige Wartezeit vor der Kasse mit der Lektüre des ausgesprochen gut übersetzten deutschen Führers verbringen.

Eine verwunschene Wasser- und Urwaldlandschaft
Dem Reiz am Ausgang eine kleine Bambuspflanze im Topf mitzunehmen, sollten Sie widerstehen. Es sei denn, Sie hätten vor, in Ihrem Garten einen jahrelangen Kampf gegen einen späteren Bambusdschungel zu führen. Einen Kampf, den Sie mit Ihrem normalen Gartenwerkzeug zudem ziemlich sicher verlieren. Aber viele Landschaftsgärtner freuen sich über den Auftrag Ihren Garten mit Bagger und Radlader umzupflügen, um die meterlangen Wurzeln zu entfernen.

Sonntag, 2. April 2017

Alès: Der Resistance-Dichter und sein Drucker


In einem der heruntergekommenen Stadtviertel von Alès zeugt ein Museumsbergwerk von besseren Zeiten. Hier, wo schon die Benediktiner im 13. Jahrhundert mit dem Abbau der Kohle begannen, zieht sich ein 650 Meter langer Gang durch den Berg Montaud. Ganz authentisch vermitteln ehemalige Bergwerker Arbeit, Leben und Gefahren unter Tage. Bei nur 14 Grad Temperatur gehört ein Pullover zur Ausrüstung. Hier können Sie auch gut ihre größeren Kinder „abladen“, während Sie dreihundert Meter weiter die Straße runter in eine völlig andere Welt einfahren.

Wirklich sehenswert und das bei freiem Eintritt
Eine sorgfältig renovierte neoklassizistische Villa, eine wahre Schatzkammer für Buch- und Kunstfreunde. Nur soll dieses Haus offensichtlich niemand finden, denn die wenigen Hinweisschilder auf „P.A.B.“ lassen an alles mögliche denken, nur nicht an die Musée-Bibliothèque von Pierre André Benoît. Selbst wenn Sie nicht zur Mine wollen, können Sie aber deren Beschilderung „Mine témoin“ folgen und fahren dann automatisch an der Musée-Bibliothèque vorbei.

Benoît und seine Künstler
 
Für Braque, Miro, Picasso und Arp war Benoît die Anlaufstelle, wenn es um qualitativ hochwertige Drucke ihrer Kunstwerke ging. Und auch vielen Autoren war André Benoît der Ansprechpartner, um mit René Char und Paul Valéry oder André Breton nur die bekanntesten zu nennen. Vor allem die Zusammenarbeit mit René Char hat den Drucker
und Verleger Benoît geprägt. Bis zum Jahr 1954, als sie sich endlich auch persönlich kennen lernten, hatte Benoît bereits eine ganze Reihe der Bücher Chars gedruckt.

Daß später Picasso und Matisse die Bücher René Chars, der als Dichter der Resistance in die Literaturgeschichte eingegangen ist, illustrierten oder Georges Braque die von Benoît verlegten Bücher, war dann schon völlig selbstverständlich. Aus solchen Druckaufträgen und Kooperationen hat Benoît seine Sammlung aufgebaut.

Samstag, 25. März 2017

Jacqueline Kennedy, Juliette Greco und die starken Frauen des Languedoc

Im erzbischöflichen Palast von Uzès tagt gelegentlich die genealogische Gesellschaft des Languedoc-Roussillon, die die Region mit ihren Forschungen um vier „starke“ Frauen bereichert hat.
Edith Piaf als US-Graffiti. Sonst natürlich: Je ne regrette rien.     c Paul Stumpr
Daß Edith Piaf aus dem Süden stammt, läßt sich gut vorstellen. Und Anne de Montemart (1847-1933) sowieso; die Herzogin von Uzès war die

Anne de Montemart:  die
erste Französin mit Führerschein
erste Frau in Frankreich, die den Führerschein machte und tatsächlich auch ein Automobil lenkte. Bei den Pferden im Stall durfte sie das angstmachende technische Gerät aber nicht unterstellen; das setzte der Pferdeknecht beim Herzog durch.

Anne de Montemart: Gelegentlich
auch schnell zu Pferd unterwegs
Ähnliches passierte zu jener Zeit Reisenden auch in den damaligen wie heutigen Touristenmetropolen. Als Rudyard Kipling, der Autor des „Dschungelbuchs“ in Avignon Station machte, verbot ihm der Hotelbesitzer sein Auto im Hof zu parken; das mache die Pferde scheu.

Auf einem überlebensgroßen Bild von Antoine Weisz im Musée Borias ist die Herzogin de Montemart als Reiterin in jagdlicher Umgebung dargestellt; wie immer übrigens in Trauerkleidung, die sie seit dem Tode ihres Mannes trug - da war sie gerade 29 Jahre alt. Die dritte im Bunde ist Jacqueline Kennedy, die in direkter Linie von Simon Mercier (1610-1686) abstammt, einem Wollschneider aus Saint Michel d‘Euzet. Und mit Juliette Greco aus Montpellier (* 27.2.1927)ist das Quartett perfekt. Wenn es nur irgendwie geht, gönnen Sie sich die Greco, die ja oft im Midi auftritt. Wenn Sie Glück haben, gehört Ihr

Chanson über „Monsieur Faulkner“ ins Programm und das Leben, das eine „drôle d‘histoire“ ist. Wenn man ihre Stimme bei diesem Lied hört, wünscht man sich nichts anderes als dieser Idiot oder der einfältige Erzähler dieser Geschichte zu sein:

La vie, c'est une drôle d'histoire
Contée par un sot
Ou par un nigaud
Une histoire
Qui s'enfuit

pleine de bruit, de fureur
Pleine de bruit, de fureur. 


 La vie, un chemin bizarre
Qui monte et descend
Et tourne et se prend
Au Hasard
Mort ou vif
Plein de nuit, de lueurs
Quand l'un rit, l'autre pleure
Comme dit Monsieur Faulkner.

Viens, viens,
Nous n'y pouvons rien
Un jour, y a plus de tout à l'heure
Viens, viens,
Ton temps t'appartient
Et par ta pauvre vie mon Coeur.

Longues, longues et froides années
Pourquoi courez-vous
Pour nous harceler ?
Moi je veux
Pour le peu
Que j'ai à faire sur la terre
Vivre au gré de mon coeur
Comme dit Monsieur Faulkner.