Samstag, 22. Juli 2017

Sète: Hafen, Brassens und Paul Valéry

 
Die Gräber und Museen von Brassens und Valéry sollten Sie aufsuchen, das von Brassens unten auf dem Friedhof Py und das von Valéry oben auf dem Cimetière marin und wiederum unten das Espace Brassens und oben das Musée Paul Valéry.


Die schönsten Aussichten sind für die Toten reserviert
Am Grab von Valéry werden Sie kaum einmal jemandem begegnen, während Brassens zwischen April und Oktober täglich bis zu dreihundert Menschen gedenken. Die Gräber sagen viel mehr über die beiden aus, als das Nachlesen der zahlreichen Würdigungen und wissenschaftlichen Beiträge über Stildifferenzen, Sujets und Arbeitsweisen. Und bezeichnend ist auch, daß Valéry an seinem Lieblingsort begraben wurde, während die Stadt Sète es Brassens verwehrte, am Strand bestattet zu werden. In seinem Chanson „Supplique pour être enterré à la plage de Séte“ hatte er diese Forderung noch einmal wiederholt. Und er spricht darin auch, ganz selbstbewußt, sein Verhältnis zu Valéry an, den er, der „aus kleinen Verhältnissen stammende Troubadour“, überbieten werde:
„Deférence gardée envers Paul Valéry.
Moi l’humble troubadour sur lui je renchéris,
Le bon maître me le pardonne.“
Die Frage, an welchem Strand denn nun genau Brassens begraben liege, wird im Office de Tourisme an jedem Tag mehrfach gestellt. In einem
Viel Brassens überall in der Stadt
Interview hat er später allerdings zugegeben, daß dies so ernst gar nicht gemeint war. Er hätte ganz einfach nach seinem Tod auch noch ab und zu baden gehen wollen, sagte Brassens in einem gemeinsamen Interview mit Jacques Brel und Jean Ferré. Das berühmteste Gedicht Valérys, von Rilke übersetzt, beschäftigt sich mit seinem „Friedhof am Meer“:
„Minervas schlichter Tempel, feste Truhe,
Sichtbares Schutzhaus, dichter Hort der Ruhe,
Kräuselung des Wassers, Auge immer wach...
Ganz eingehüllt in meinen Meeresblick.
Und wie wenn Göttern ich die Gabe brächte,
Steigt aus dem Funkeln heitrer Meeresprächte
Mein königlicher Hohn auf das Geschick.“
Die Übersetzung entstammt dem bei C.H.Beck erschienenen zweisprachigen Band
"Französische Dichtung".
Einen Stein bekommt Valéry von jedem Besucher seines Grabes...
Leider findet sich nur weniges von und über Valéry in dem Museum oben am Friedhof, das immerhin seinen Namen trägt: Lediglich ein Saal, der Handschriften, Zeichnungen und Erstausgaben des Dichters ohne sich erschließende Ordnung nebeneinanderreiht. Und irgendwo dann der Satz:
„Der Mensch ist ein Tier, das außerhalb seines Käfigs eingesperrt ist.“
 
Valéry selbst hätte diesen Saal anders, vor allem systematischer gestaltet. Dennoch lohnt der Besuch des Museums wegen der Gemäldesammlung und den ständig wechselnden Ausstellungen.

Samstag, 15. Juli 2017

Martignargues: Nur 1704 mal in den Geschichtsbüchern


Man kann es aus dem Weltraum nicht sehen, aber das dennoch bedeutendste Bauwerk von Martignargues ist eine gut drei Meter hohe und einen Meter breite Mauer oberhalb des Friedhofs. Sie umschließt auf rund zweihundert Metern Länge den Weinberg des Monsieur Cadounqué, der die Mauer zwischen 1850 und 1895 aus den auf seinem Acker gesammelten Steinen errichtete. Gemeinsam mit seiner Frau wurde er hier zwischen zwei Zypressen beerdigt. „Jetzt kannst Du ausruhen und Deine Mauer bewachen,“ sagte der Ortsgeistliche bei der Beerdigung.
Martignargues und Vezenobres                                                 Bild links: Mairie
Martignargues ist ein französisches Dorf im Gard zwischen Vézenobres und Mas Nouguier, malerisch gelegen auf einem Hügel über dem Tal der Droude, aber zehnmal können Sie durchfahren, ohne einem Menschen zu begegnen. Und anderen Autos begegnen Sie nur an den Tagen, an dem die Grundschüler, im Wechsel mit den anderen kleinen Örtchen ringsum, hier ihren Unterricht bekommen und von den Mamas abgeholt werden. Wenn eine von ihnen zu früh da ist, kann sie nur warten.

Nur das Schild hängt noch.                            Bild: Mairie
Der Ort hat kein Café mehr, Rosalie Polge hat ihres vor Jahren schon dichtgemacht, und auch der Tabakladen von Monsieur Reynaud und die kleine Lebensmittelhandlung von Anna Légal sind längst Geschichte. Und das, obwohl sich in den letzten fünfzig Jahren die Einwohnerzahl verdreifacht hat: Von 150 auf rund 450.

Warum die Einwohner von Martignargues „Engländer“ genannt werden: „Lous Inglès" ? Das geht zurück auf den Hundertjährigen Krieg, als der Ort versehentlich von den Engländern eingenommen wurde, die die Kapelle und die sie umgebenden Privathäuser mit einer Festung verwechselten. Manchen von Ihnen gefiel es hier so gut, daß sie über Generationen blieben ; der Blick ins Einwohnerverzeichnis belegt das noch heute : Born, Butcher oder Roche.




Der Zweite Weltkrieg hat im Ort selbst nicht stattgefunden ; das Dorf wurde nie von der deutschen Wehrmacht besetzt. Anders war das während der Religionskriege zu Beginn des 18. Jahrhundert, als die Truppen Ludwigs XIV. versuchten, die protestantischen Kamisarden wieder auf den rechten, also katholischen Weg zu bringen. Eine der großen Schlachten dieses von beiden Seiten grausam geführten Krieges hat unterhalb des Ortes stattgefunden, die Bataille de Martignargues, an die noch heute ein Gedenkstein erinnert.

Gedenkstein zwischen Martignargues und
der Ölmühle von Roger Paradis
Mehr als 500 Soldaten des Königs, die unter der Führung des noch während der Schlacht geflohenen Marquis de la Jonquière standen, wurden getötet. Dem standen nur drei getötete und zwölf verletzte Kamisarden gegenüber. Deren Anführer Jean Cavalier war vier Wochen später der große Verlierer, als er bei Nages, in der Nähe von Nîmes, vernichtend geschlagen wurde. Dazu erreichte ihn die Nachricht, daß den Königstruppen sein wichtigtigstes Nachschublager, das sich in einer auch heute noch zu besichtigenden Grotte oberhalb von Euzet befand, verraten worden war. Cavalier legt die Waffen nieder und geht nach Genf, wo der Herzog von Savoyen sich die Dienste des taktisch versierten Kämpfers sichert. Er kämpft im Spanischen Erbfolgekrieg auf portugiesisch-britischer Seite und wird schließlich rentenberechtigter Gouverneur der Insel Jersey.

Wer das mit Zeit und in französischer Sprache etwas ausführlicher nachlesen will, dem sei die sechsbändige, großformatige Arbeit von Henri Bosc „La guerre des Cevennes“ empfohlen, die zwischen 1985 und 1993 erschienen ist. So um die vierhundert Euro kostet das Werk antiquarisch, wobei sie aufpassen sollten, daß Sie dafür auch eines der numerierten Exemplare (bis Nr. 1300) erhalten. Immer mal wieder rutscht sonst auch ein fotokopierter Band dazwischen; allerdings sind Sie dann schon mit 80 Euro für die sechs Bände dabei.

Samstag, 8. Juli 2017

Beaucaire: Römische Weine vom Mas des Tourelles

In seiner massigen Gestalt, mit Räuberbart und kragenlangen Haaren ging Moritz Hartmann, österreichischer Journalist und Teilnehmer der Badischen Revolution von 1848 von Tarascon aus über die alte Kettenbrücke hinüber nach Beaucaire. Das war ein Abenteuer für sich, denn diese Brücke
„zittert ewig und wiegt sich hin und her wie ein leichtes Seidenband im Winde“.
Immer wieder wurden Fußgänger oder selbst Pferdewagen in die Rhone geworfen, wenn der Mistral unter die Brücke fuhr wie in ein zu groß geratenes Segel. „Bei dieser Gelegenheit zerriß er auch alle eisernen Bande, als wären sie Spinngewebe.“ Die Stadt selbst, außer an den Markttagen, beklagte er als
„einen traurigen, öden, armen Flecken“.
Er hätte auch schreiben können, das Schönste an Beaucaire sei der Weg hinaus aus der Stadt in Richtung des Weingutes Mas des Tourelles und zur Via domitia. Weinproduktion auf gallo-römische
Art und ein Spaziergang auf der Straße des Domitian sind mit gut zwei Stunden einzuplanen. Wenn
Weine, die für Frauen und Sklaven verboten waren
Sie den Keller besichtigen und die Weinprobe bis zum Ende mitmachen, wird es auch leicht ein Nachmittag. Nach den Rezepten der römischen Schriftsteller Plinius und Cato werden verschiedene Weine hergestellt, die Trauben handgelesen und mit bloßen Füßen gesaftet. Und auch bei der Gärung hält man sich hier ans Original, nicht in Fässern also, sondern in Tonkrügen.

Wichtigstes Produkt war früher der Mulsum, ein mit Honig, Zimt und Pfeffer gewürzter Wein, der mit der schönen Legende versehen ist, Männern, aber auch nur diesen, die ewige Jugend zu schenken. Vorsichtshalber war er für Frauen und Sklaven verboten. Für die Damen gibt es heute wie damals den Carenum, der seinen sehr süßlichen Geschmack aus konzentriert-eingekochtem Traubenmost und Quittensaft erhält. Als dritte römische Variante wird der Turriculae produziert, ein trockener, sehr gewöhnungsbedürftiger Weißer, dem man die Würzmittel Bockshornklee und Meerwasser zugesetzt hat. Dann schon lieber einen der ganz normalen Rhone- oder Costières-de-Nîmes-Weine des Mas des Tourelles.
Le Bozec's Pastelle im Cloître des Cordeliers

Heute hat Beaucaire kaum mehr zu bieten, als die gelegentlichen Krawalle nordafrikanischer Jugendlicher und ein paar dressierte Adler, die um die Burg herumfliegen.

Also zurück nach Tarascon, wo es immerhin noch einen Daudet und dessen Tartarin gibt; und ein lebendiges Kulturleben mit vielen wechselnder Ausstellungen - der Pastellkreide-Zeichner Le Bozec gehört zu den eingeladenen Künstlern - im Cloître des Cordeliers mit einem erfrischend kühlen Innenhof.
 


Samstag, 1. Juli 2017

Peter Mayle und Lawrence Durrell: Zuviel Lesernähe

Eis hat Durrell auf seinem Lieblingsplatz beim "Glacier" seltenst gegessen

Lawrence Durrell war so populär, daß seine Bewunderer nicht nur täglich das Grundstück belagerten, sondern sogar in sein Haus in Sommières eindrangen, um „ihrem Larry“ leibhaftig zu begegnen.


Peter Mayle im Lubéron und Lawrence Durrell in Sommières
konnten sich vor ihren Landsleuten kaum retten. Bild Wiki cc

Ähnlich erging es eine Generation später Peter Mayle im Luberon. Wer die Lage seines Hauses so beschreibt, wie Mayle das getan hat, exakter als jede Postanschrift, darf sich über Lesernähe nicht wundern. Sie würden das Haus auch leicht finden:

Unterhalb der Landstraße, die Menerbes mit Bonnieux verbindet, am Ende eines nicht asphaltierten Weges, Kirschbäume auf der einen Seite, Weinreben auf der anderen, liegt ein zweihundert Jahre alter Bauernhof aus Natursteinen, dessen Grundstück an den Luberon-Nationalpark grenzt.
Fast zehn Prozent aller Provence-Urlauber sollen ab 1990 nur aufgrund der Werke von Peter Mayle nach Südfrankreich gereist sein, schrieb eine britische Tageszeitung. Und von den Engländern werden es neunundneunzig Prozent gewesen sein.

Das restliche Prozent ist Ford Madox Ford zu verdanken - Sohn eines Musikkritikers der „Times“ und Enkel eines westfälischen Verlegers -, der seinen Namen Ford Hermann Hütter aufgab, als während des Ersten Weltkriegs die Stimmung in England immer stärker anti-deutsch wurde. Einige seiner Romane, die in Zusammenarbeit mit Joseph Conrad erschienen, hat der Eichborn Verlag zu Beginn des 21. Jahrhunderts veröffentlicht.

Nach seinem Buch „New York ist nicht Amerika“ und mehreren Paris-Aufenthalten war ihm klar, daß auch Paris nicht Frankreich war, sondern viel eher die Provence. Die Liebe zum Süden hatte er von seinem Vater geerbt, der sogar provenzalische Gedichte verfasst und seinem Sohn nichts anderes die Grundzüge der Sprache und des Schachspiels beigebracht hatte.

Ford passte auch noch aus einem anderen Grund gut nach Südfrankreich, denn sein Umgang mit der Wahrheit läßt an Tartarin oder einen Fischer aus Marseille denken, wie Julien Barnes das beschrieben hat.

„Für Tatsachen hatte er vor allem Verachtung übrig, während er umgekehrt an die absolute Akkuratheit von Eindrücken glaubte. Pound vertraute Hemingway einmal an, dass Ford ‚nur lügt, wenn er sehr müde ist’. Sollte das aber seine Richtigkeit gehabt haben, muß Ford sehr oft sehr müde gewesen sein.“
Ihm wurde zudem nachgesagt, ein „furchterregender Trinker“ gewesen zu sein, eine der Gemeinsamkeiten mit Lawrence Durrell. Als dessen Haus nach seinem Tode verkauft wurde, mußte die neue Eigentümerin rund 6.000 Weinflaschen entsorgen, die Durrell im Pool versenkt hatte.

Samstag, 24. Juni 2017

Rainer Ehrt's "Café des Exilés"

Mit Freude am Detail, manchmal mit Ironie, manchmal freundschaftlich, aber auch mit kritischer Distanz hat der Künstler Rainer Ehrt die bekannten Gesichter der deutschen Exilliteratur gezeichnet: Von Heinrich Mann, über Roth, Brecht und Anna Seghers bis hin zu Toller und Feuchtwanger.


Natürlich denkt man in erster Linie an Wien, wenn der Begriff des „Caféhausliteraten“ fällt. Aber die aus Nazi-Deutschland geflüchteten oder ausgewiesenen Schriftsteller standen den Wiener Autoren wie Hugo von Hofmannsthal, Karl Kraus oder Alfred Polgar um nichts nach. Und Autoren wie Joseph Roth und Franz Werfel waren zunächst in den Wiener Cafés und später dann in Paris zu finden.

Wenn dazu noch wir Anna Seghers „Transit“ und Ludwig Macuses „Mein Zwanzigstes Jahrhundert“ lesen, dann gewinnt man den Eindruck, als hätten alle Exilanten ihre Tage hauptsächlich in den Cafés von Marseille und Sanary-sur-Mer verbracht.

Und da ist tatsächlich was dran. Das Thema war Hermann Kesten sogar ein ganzes Buch wert: „Dichter im Café“. So etwas wie eine zweite Heimat waren die Cafés geworden.

Er habe einen Gutteil seines Lebens in den Cafés verbracht, beichtet Hermann Kesten und tritt auf den 433 Seiten seines Buches „Dichter im Café“ den Beweis an.

Den Exilanten waren die Kaffeehäuser zu ihren Arbeits- oder Wohnzimmern geworden, in denen sie ihre glücklicherweise selbstzahlenden Freunde empfingen, in denen sie schnell ihre Stammplätze oder gar Stammtische hatten und auch bei wenig Verzehr gerne gesehen waren: die Bohème als kostenlose Werbung für die vielen, die gerne dazu gehört hätten und dennoch kamen und nur sehen wollten. Diesen
„Müßiggang der anderen betrog ich mit meiner Arbeit“
formulierte Kesten schadenfroh und machte sich regelmäßig auch über die einzelne Dame lustig, die es in jedem Café gebe und die aussähe,
„als habe nicht ein einzelner Mann sie versetzt, sondern das ganze männliche Geschlecht“.
Die Cafés waren den Exilanten sogar mehr als Haus und Heimatersatz, waren „Kirche und Parlament“, wurden „zur Wiege der Illusionen und zum Friedhof“.


Angefangen hat Rainer Ehrt, Jahrgang 1960, nach seinem Studium an der Hochschule für Kunst und Design Halle/Burg Giebichstein als Plakat-Illustrator und gleich die ersten Auszeichnungen bekommen: 1998 in London für den »Best political Cartoon« bei der New Statesman Cartoon Competition und 2004 »Best of 2003 Illustration« des 3x3 magazine in New York. Viele seiner Arbeiten befinden sich inzwischen im Besitz von Museen, Bibliotheken oder privaten Sammlungen.

Einen Überblick über seine Arbeiten finden Sie HIER, darunter auch die Grafik "Überfahrt", die sich Intellektuellen, Komponisten und darstellenden Künstlern widmet.





Danke an Rainer Ehrt für die Genehmigung der Veröffentlichung in diesem Blog.

Freitag, 16. Juni 2017

Uzès: Der Optimismus der Maud Dardenne

„Me you“ signiert Maud Dardenne ihre zeitaufwändigen Bilder, manchmal fotorealistische Portraits und manchmal Bilder, die einen erst an den Zöllner Rousseau und dann den Abenteurer Gauguin denken lassen. „Weil sie von mir kommen und an Dich gehen“, so die einfache Erklärung.

Dardenne hat nach dem Studium der Grafik an der Ecole Sornas viele Jahre als Grafikerin für das Vallée de la Seine gearbeitet, für Kulturzentren und Mediatheken Plakate entworfen, die Gestaltung von Bühnenbildern übernommen und als Professeur d'Arts Plastiques Studenten unterrichtet.


Ein paar Jahre hat sie in den Cevennen verbracht, in Pont de Monvert, wo sie für die Assoziation L’Arbre Seul tätig war und nun, seit 2007 in Uzès in ihrer eigenen Atelier-Galerie am Boulevard Victor Hugo 4 auf Höhe der Kirche Saint Etienne (06 52 87 21 25). Hier lebt Maud Dardenne jetzt mit und für ihre Kunst, die sie altmeisterlich und höchst exakt in Öl auf Leinwand realisiert. Für den Aufwand verkauft sie ihre Bilder viel zu billig.

Die meiste Zeit verbringt sie im Atelier, das zugleich Küche ist. Des öfteren kauft sie mit Freunden oder Kursteilnehmern auf dem Samstagsmarkt in Uzès Gemüse ein, das erst als Vorlage für Stilleben dient und hinterher gemeinsam zubereitet und gegessen wird.

„Ich bin keine Malerin, die religiöse Motive in Mittelpunkt stellt, aber die Symbolik ist mir wichtig. Und, daß man sich längere Zeit mit meinen Bildern beschäftigt, das Verborgene und Zwiespältige sieht oder das Androgyne.“

So stand ihr ein siebzehnjähriger Junge Modell für das Bild eines Engels. Drei Jahre später hätte sie ihn so nicht mehr malen können, so eindeutig hatte er sich zum Mann verändert. Ihre Modelle findet sie auf dem Markt oder abends in einer Bar…“und leider wird das oft sehr teuer für mich, da ich so langsam male…“, lacht sie. Der Optimismus, den die meisten Bilder ausstahlen, begleitet sie durch ihr Leben.

Weitere Künstler aus Uzès und Umgebung finden Sie hier mit Roma&Bredel, oder hier mit Oliver Bevan oder hier mit Iva Tesorio und Jürg Treichler oder hier mit Viva Blevis und John Townsend.


 

Samstag, 10. Juni 2017

Uzes: Roma, Bedel und Roxanne Pacquetet

Roma's Schattenspiele
Pastel gras, "fettes Pastell", nennen französischsprachige Künstler ihre Ölpastellkreide. Gleich Zweien, die in dieser Technik arbeiten,  bin ich in letzter Zeit begegnet: Jean-Pierre Le Brozec im Kloster von Tarascon und Mireille Couston - Künstlername Roma - in ihrer Galerie in Uzes, die sie gemeinsam mit ihrem Mann Thierry Bedel, ebenfalls Künstler, in der Rue Jacques d'Uzès Nummer 11 betreibt. Irgendwie liegen die Kunst bei Großmutter Roma und das Kunsthandwerk
bei der Enkelin Roxanne Pacquetet in der Familie. Auf dem Samstagsmarkt präsentiert Roxanne ihre Handtaschen, jedes ein Unikat, vor der Galerie.

Das Malen mit Pastellölkreide braucht viel Erfahrung, der Farbauftrag erfolgt zeichnerisch, aber in fließenden Bewegungen, oft verwischt. Der Begriff Pastell ist da ziemlich irreführend, den die Farben sind intensiv und können in der Leuchtkraft noch erhöht werden, wenn mehrschichtig übereinander gemalt wird.


Roma mit eigenem Werk
und Bedel's Lavendel
So entstehen die beeindruckenden Licht-Schatten Kompositionen von Roma, die ihre Motive oft vor Ort, manchmal aber auch nach Fotos malt. Zu den wiederkehrenden Motiven gehören Ansichten des platanenbestandenen "Place aux Herbes" in Uzes. Der besondere Effekt der Bilder entsteht durch die dem Farbpigment zugefügten Öle und Wachse.

Le Brozec gehört zu den bekanntesten und erfolgreichsten französischen Pastellmalern, der insbesondere die unterschiedlichsten Hauttöne so trifft, dass man immer versucht ist, darüber zu fahren, um sicher zu sein, dass es auch tatsächlich nur ein Gemälde ist. Das haben dann auch tatsächlich so viele Besucher getan, dass die die empfindliche Ölkreide durch leider nicht entspiegeltes Glas gesichert wurde. So kommt man zu ganz neuen Ansichten im Cloître des Cordeliers, das mitten in der Stadt, aber mit verstecktem Eingang, am Place Frédéric Mistral liegt.


Ein Le Brozec-Portrait, in dem sich der Klosterkreuzgang von Tarascon spiegelt
und, für Ihren Besuch, ein Blick auf die handkolorierten Visitenkarten und Roma et Bredel

Samstag, 3. Juni 2017

Uzès: Der Buchhändler, der seine Bücher ungern verkauft

Christian Feller: Immer eine gute Geschichte auf Lager...
nur Bücher gibt der Buchhändler ungerne her
In Uzes, hinter dem Tour Fenestrelle und der Promenade Racine, in der Rue Julien, finden Sie, in einem Innenhof versteckt, die Buchhandlung von Christian Feller. Der ist allerdings mehr Büchersammler als Buchhändler, was nur heißen soll, daß er sich ungern von seinen Schätzen trennt. In manchen Fällen muß man schon ein besonderes und gut begründetes Interesse an einem bestimmten Titel nachweisen, damit er ihn dann widerstrebend aus dem Regal oder seinem in der Nähe gelegenen Privathaus holt.
Dieses Haus ist nicht nur mit dem ältesten Eingangsportal in Uzès ausgestattet, sondern hat - natürlich und wie es sich für Feller gehört – auch eine literaturhistorisch interessante Vergangenheit.

Jean-Jacques Brousson, dem Sekretär des Literaturnobelpreisträgers Anatole France, hat es gehört. Allerdings hätte es der sich von seinem Gehalt nicht leisten können. Was er denn bisher verdiene, fragte France den gerade zwanzigjährigen Studenten Brousson. Und als der mit „Nichts“ antwortete, war ihm die Stelle sicher. Anatole France großzügig:
"Dann zahle ich Ihnen das Doppelte." 
Diese, ob verbürgt oder nicht, jedenfalls gute Geschichte berichtet Christian Feller in dem Film, den ich mit Jean-Jacques Schaettel und Antoine Chosson, der ein Purist des Dokumentarfilms ist, über die Literaten in Südfrankreich gemacht habe. Unter dem vorhergehenden Link finden Sie einige meiner Gesprächspartner.

Irgendwo hier im Hinterhofgewirr
befindet sich die Buchhandlung
Nur wenige Tage nach dem Tod von Anatole France, der für Frankreich ein Jahrhundertereignis war, erschien Boussons Buch „Anatole France in Pantoffeln“, das nach kürzester Zeit hoch sechsstellig verkauft war und in viele Sprachen übersetzt wurde. Damit hatte Bousson weit mehr verdient, als ihm France für die zehn Jahre ihrer Zusammenarbeit je gezahlt hätte. Von diesem Honorar hat sich Bousson dann seinen Traum eines herrschaftlichen Hauses in der Altstadt von Uzèz erfüllt und mit der ein oder anderen Antiquität, die France ihm als Honorarersatz gelegentlich überließ, ausgestattet.

Samstag, 27. Mai 2017

Rivesaltes: Der lange Kampf ums Erinnern

 
Das Lager von Rivesaltes wurde 1938 ursprünglich errichtet, um französische Soldaten auf die unwirtlichen Verhältnisse im Wüstenkrieg und den Kämpfen in anderen extremen Klimazonen vorzubereiten. Benannt wurde das Militärlager zunächst nach dem Oberbefehlshaber der französischen Truppen im Ersten Weltkrieg, Joseph Joffre, der im Örtchen Rivesaltes geboren wurde. Ab 1939 – aus dem Lager wurde ein „Centre d’Herbergement“ wurden hier aber ganz anderen Menschen „aufgehoben“: Flüchtlinge des Spanischen Bürgerkrieges, dann Sinti und Roma, Juden aus Baden und später, nach dem Algerienkrieg die Harkis, Nordafrikaner, die auf der Seite Frankreichs gekämpft hatten. Einige von denen, die 1962 hierher kamen, verließen das Lager erst 1976.

Wer heute das Wort Rivesaltes hört, denkt vielleicht zunächst an die dortigen Süßweine, aber hier in der Ebene ist das Klima so hart und gegensätzlich, dass nicht einmal die anspruchslosen Weinreben wachsen. Extreme Tageshitze und tiefe Minusgrade in den Winternächten, die Fallwinde der Pyrenäenund und auch die unhygienischen Verhältnisse im Lager verursachte viele Todesfälle. Und genau 2.313 Juden wurden von hier in die Vernichtungslager geschickt.

Es hat Jahrzehnte gedauert, bis der französische Staat seiner Pflicht zum Erinnern nachkam.
„Das Schweigen über das Lager von Rivesaltes war ‚national‘, die Tür für die Erinnerungsarbeit musste erst aufgestoßen werden“,
so die Journalistin Ursula Welter in einem Beitrag für den Deutschlandfunk.
Kurz vor der Eröffnung der Erinnerungsstätte habe ich einen halben Tag im Lager verbracht, zwischen den kaum zerfallenen Baracken, dem Stacheldraht, der überall noch aus dem Boden hervorsticht und den verrosteten Sardinendosen, die an die Insassen regelmäßig ausgeteilt wurden.

Die Aufarbeitung der Lagerzeit durch Zeitzeugen kann hier inzwischen, in Les Milles hat es Jahre zuvor noch geklappt, kaum mehr gelingen. Immerhin gab es örtlichen Vereine, die das lange vor Eröffnung der offiziellen Gedankstätte versuchten. Etwa die „Anciens Combattants Prisonniers de Guerre Combattants d'Algérie, Tunisie, Maroc ( http://www.fncpg-catm.org/) oder die « Fils et Filles de Républicains Espagnols et Enfants de l’Exode » (http://ffreee-retirada.blogspot.fr/ )
Der damalige Staatspräsident Sarkozy ließ sich das Gelände bezahlen, bevor dort die historische Arbeit aufgenommen werden konnte. Der Sozialist Bourquin lässt heute kein gutes Haar an seinem konservativen Verhandlungspartner von einst. Sarkozy habe von einer Gedenkstätte zunächst nichts wissen wollen, erst im Wahlkampf 2012 habe er Rivesaltes für sich entdeckt und für ein paar werbetaugliche Fotos am Rande einer Stippvisite genutzt. "Ich denke, ganz klar, dass er persönlich ein Problem mit Erinnerungsarbeit hat“,
sagte Bourquin im DLF-Interview.

Die 2015 dann doch eröffnete Gedenkstätte lohnt den Besuch. Architekt Rudy Ricciotti hat große Teile in die Erde gebaut; kein Gebäudeteil sollte die Baracken überragen.

Die Homepage, wenn Sie dem Link gefolgt sind, ist hoffentlich aktueller als im Mai 2017, als vorwiegend Veranstaltungen des Vorjahres präsentiert wurden. Und warum das Memorial auch noch mit einer Anzeige in Google wirbt, obwohl man längst als erste Fundstelle angezeigt wird, muss man ja nicht verstehen.

 

Samstag, 20. Mai 2017

Anduze: Liebesbriefe und Reklamationen an EDF

Die Cevennen und ihre vorgelagerten Ebenen sind eine Region mit einer überproportionalen Quote von Menschen, die französisch kaum bis sehr schlecht sprechen und manchmal gar nicht schreiben - nicht zuletzt die vielen Nordafrikaner aber auch spanische Einwanderer, oft ehemalige Erntehelfer, die hier geblieben sind.

In Anduze findet deshalb Françoise Poupart als „Ecrivain public“, als öffentliche Schreiberin, ihr Auskommen. Manchmal muß man nicht einmal ihr Büro aufsuchen, sondern trifft sie auf dem Markt. „La Plume de Françoise“ heißt ihr kleines Unternehmen, in dem sie Briefe an France Telecom oder die Gas- und Elektrizitätswerke ebenso schreibt wie einen Liebesbrief oder den kondolierenden.

Daneben auch Familien- und Firmengeschichten oder in wohlgesetzten Worten, wie man sich von ihr oder ihm trennt.